Sunday, December 23, 2012

Bruce Brubaker – Nico Muhlys gemeinschaftsstiftender Aspekt von Musik



In diesem Monat präsentierten der Pianist Bruce Brubaker und die Viola-Spielerin Nadia Sirota im Poisson Rouge Musik von Philip Glass und Nico Muhly. Beide Musiker sind äußerst vielseitig und talentiert, was das traditonelle klassische Genre ihrer Instrumente betrifft. Außerdem machen sich beide für einige der faszinierendsten Beispiele heutiger Musik stark: die Art von Musik, die auf der klassischen Idee von Komposition und Notensätzen beruht, aber hinsichtlich einer positive Wirkung weniger von der perfekten Planung abhängig ist. Beide Musiker kommunizieren großartig und in bester Ausführung. “Die Freiheit, die mit dieser Musik einhergeht,” staunt Brubaker, “wo der Prozess des Spielens ein solch integraler Bestandteil deren Formulierung ist, ist auch sehr inspirierend und unterstützt eine andere Art von Anerkennung. Sie ist nah am Puls der Zeit – eine Momentaufnahme, die sehr aussagekräftig, eine Art Ausdruck des Zeitgeistes ist.” Er führt fort: “Teil dessen, was Nico vielleicht eine noch nie da gewesene breite musikalische Reichweite gibt, verleiht ihm in der Musikwelt eine einzigartiges Ansehen.” Durch seine Reichweite und Vielseitigkeit, haben Muhlys Arrangements für die Pop Szene und Filmmusik seine Partituren von Pop Ikonen wie Björk und Grizzly Bear bis zur ‘Metropolitan Opera’, zur ‘Alice Tully Hall’ und darüber hinaus gebracht.
Brubaker hat soeben mit Nico ‘Drones’ in Island auf dem ‘Bedroom-Community’ Label aufgenommen: eine Auftragsarbeit vom “S. Gilmore International Keyboard Festival’ aus dem Jahre 2010. Das Album beinhaltet ‘Drones’ & Piano, ‘Drones’ & Viola und ‘Drones’ & Violine, dargeboten von Brubaker, Sirota und Pekka Kuusisto Seite an Seite mit Nico Muhly und gemischt von Valgeir Sigurðsson & Paul Evans, der ebenfalls der Produzent ist. Im Begleitinfo zu ‘Drones’, beschreibt Muhly “die Erstellung harmonischer Ideen zu einer statischen Struktur,” und weisst darauf hin, dass, “die Idee nicht viel anders ist, als beim Staubsaugen mitzusingen.”
Sirota, eine langjährige Mitarbeiterin und enge persönliche Freundin von Muhly meint: “’Drones’ erwuchs aus einer Reihe von Stücken für Viola und Elektronik und dadurch, dass ich immer wieder meine Telefonnummer herleierte, woraus die Etüde Nr. 2 entstand, das erste der ‘Drone’ Stücke. Viele ‘Drone’ Stücke wurden in vorab-aufgenommenem Sound zusammengefasst, der tiefgreifend strukturiert ist und (das ist jetzt Brubaker zufolge) sehr klar den großen Einfluss von Valgeir auf Nicos Werk aufzeigt. Es zerbarst an Struktur und wurde wirklich drei-dimensional.”
Foto: Copyright Stern Weber Studio / Bruce Brubaker und Nadia Sirota im lePoisson Rouge


Brubaker erläutert: “Nico machte den ursprünglichen elektronischen ‘Backtrack’, aber was man auf der Aufnahme hört, ist ganz anders. Es klang sogar zum Teil noch mehrschichtiger. Aber darin besteht der aufregende Prozess mit einem lebenden Komponisten wie Nico zusammen zu arbeiten – die Aufnahme ist nicht mehr die endgültige Fassung, aber ebensowenig der Auftritt. Musik wird im Moment viel lebendiger. Vielleicht vergleicht man es am besten mit den Zeiten von Komponisten wie Mozart, Bach, Monteverdi …, die ein Stück für ein Orchester schrieben, aber im Laufe der Zeit von verschiedenen Instrumenten gespielt wurden, so dass das Stück jedesmal ein anderes wurde.”
Im Geiste der Spontanität ist Nico der Typ von Musiker, der nicht exakte Anweisungen gibt. Dies könnte daher kommen, dass er seine Auftrittskünstler sehr gut kennt; Nico ist mit Brubaker seit seinen Jahren bei Julliard vertraut, als Brubaker, der gegenwärtig bei NEC unterrichtet, ebenfalls Fakultätsmitglied bei Julliard war und eines seiner Werke in Auftrag gab. Sirota ist ja sowieso eine langährige Freundin und begeisterte Promoterin von Nicos Werk. Es könnte jedoch ebenso die Folge eines fehlenden Perfektionismus sein, der das begeitet, was bei diesem kreativen Material herauskommt, das manchmal von Muhly selbst wie auch von seinen Kritikern als auffällig umfangreich betrachtet wird. Auf seinem Blog klagt Muhly: “Ich habe sehr viel an Musik geschrieben, viel davon besteht aus langen Stücken für große Ensembles. Es verschaffte mir eine Pause, denn ich hatte in den vielleicht letzten achtzehn Monaten nicht wirklich einen Moment mich umzuschauen, was passiert und diese Liste war eine Art vergrößerter, zehnfacher Ruck für mein System. Mein erstes Gefühl war eines totaler Erschöpfung, der nächstliegendste Vergleich, den ich ziehen kann, ist es, einfach eine lange Zeit zu laufen – die wirkliche Müdigkeit setzt ein bisschen später ein, mit Verspätung und wird manchmal von einem entstellten Zehnagel oder einem schmierigen Schweißflecken auf dem Unterarm ausgelöst. Die zweite Gedankenrunde, die sich auf dieses Dokument bezog, war alamierender: taugt irgendwas von dieser Musik?”

Foto: Copyright Stern Weber Studio - Bruce Brubaker und Nadia Sirota im lePoisson Rouge

Aber Brubaker ist eher einer unbeschwerteren, großzügigeren und weniger kritischen Haltung zuzuordnen: “Nico sagt immer selbst: man muss jeden Tag essen und nicht jede Mahlzeit wird die großartigste sein,” was Nicos Weigerung hinsichtlich des Spielens seines Werkes sowohl von Brubaker als auch Sirota erhellt, zu kritisch oder eigen zu werden.
“Er ist der ungewöhnlichste, großartige Mitarbeiter, der herausfindet, was an den Leuten um einen herum faszinierend ist und das kann ein großartiges gemeinschaftliches Ergebnis hervorbringen,“ meint Sirota. “Ich mag das wirklich sehr und das ist der Grund, warum ich es sehr gut kann. Und er weiß das und gibt mir einen Freibrief. Er erstellt nur Gesten, keine harte Partitur für mich, keine Angabe- es ist nur Kurzschrift und lässt viel Raum für Interpretation.”
Im Februar nahm Muhly mit Philip Glass an einem Komponisten Panel in der ‘Armory’ an New Yorks Park Avenue teil. Glass, für den Muhly über sechs Jahre hinweg arbeitete und den Muhly als einen großartigen Mentoren beschreibt, sagte etwas bemerkenswertes über den kreativen Prozess, den er und Muhly weiter durchlaufen: “Musik ist ein Raum.”

Foto: New York Times - Nico Muhly
Stellt Musik für Glass einen Raum dar, so ist es mein Eindruck, dass Muhly mit seinem einzigartigen Ansatz bezüglich von Komposition und Auftritt danach Ausschau hält, diesen Raum mit Gemeinsamkeit auszufüllen. Die Überlagerung des Komponierten mit dem Improvisierten schafft eine freistehende, unabhängige Struktur und die Bandbreite deren Möglichkeiten verleiht der Musik ihr Eigenleben.
Gemäß Brubaker: “…fügt sich alles zusammen und man gelangt dahin, verschiedene Perspektiven zu sehen.” In den ‘Drone’ Stücken hört man nicht eine einzige Improvisation, aber die Schichten an Fantasie schaffen eine eingestellte Aufnahme, die eine ‘live’ Perspektive verkörpert. Als ich Brubaker fragte, ob der Auftritt schwer ist, führt er an: ”Einiges ist eine Herausforderung, was die pianistischen Fähigkeiten betrifft, wie die wiederholten Akkorde und Arpeggio Figuren über längere Zeit, die es erforderlich machen, die Hände zu überkreuzen und längere Distanzen zu überspringen. Und dann tut er es mit einem Lachen ab und wirft er ein: “es ist wie Rock ‘n Roll.”
Einiges von Muhlys Musik scheint wirklich beim Spielen Spaß zu machen und es macht Spass anzuhören; bestimmte Strukturen und hohe Tonlagen in seinen Stücken erscheinen fast leichtfertig unbeschwert, aber beinhalten auch viele ernste Elemente. Brubaker ist überzeugt, dass Muhlys Musik “sorgfältig durchdachte Strukturen” vermittelt “und mit den darin gegebenen Querverweisen anerkennt, dass Musik uns allen gehört – es ist ein gemeinschaftliches Produkt.”
In seinem Buch Far From the Tree [Weit vom Baum] widmet Andrew Solomon Wunderkindern und ihrem Aufwachsen ein Kapitel und stellt heraus, dass ihre Kindheit bemerkenswert anders verläuft, als es die Norm ist. In diesem Kapitel wird Muhly als “Fabeldichter” zitiert, “für den die Wahrheit nicht in Glanze erstrahlt”, aber das selbstzerstörerische Verhalten, das in Muhlys Leben in Form “der Ausbildung einer Zwangneurose mit einem starken depressiven Unterton trat,” wie sowohl Solomon als auch Muhly selbst beschrieben, stand im Dienste seiner musikalischen Komposition. Darüberhinaus hatte er seine Kunst immer besonders im Kopf und das zog ihn oft sehr schnell in sehr unterschiedliche Richtungen. Er reichte “eine manischen Fuge” ein, als er sich für ein Doppelstudium an der ‘Julliard School’ und der ‘Columbia University’ einschrieb. Wie er darstellt: An einem Tag war es Messaiën und am Nächsten war es – als ob ich alles über Marimba in Erfahrung bringen wollte … Diese Musik machte mich so wahnsinnig und glücklich, als ob sie ein Betäubungsmittel wäre.” Muhlys Neugierde das zu entziffern, was sich hinter der Musik verbirgt – das Verstehen und das Wiedererschaffen musikalischer Bedeutung – stellt sowohl eine Herausforderung als auch eine Begabung dar. Er sagt über seine Auseinandersetzung mit seinem Talent: “Ich habe keine Ambition, ich habe nur eine Bessessenheit.”
Ich erwähnte gegenüber von Sirota, dass, nachdem ich Muhly bei der Premiere seiner Far Away Songs in der Alice Tully Hall persönlich kennen gelernt hatte, ich das Gefühl gehabt hätte, dass seine Musik seiner Persönlichkeit total entsprechen würde. Sie umarmte mich fast und sagte: Das genau ist es, wenn man das fühlt und das versteht, mag man es.”
Ilona Oltuski

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