Tuesday, April 22, 2014

Gary Graffman – faszinierend bleiben durch neue Entdeckungen


Als der geschätzte Pianist Radu Lupo krank wurde und ein umgehender Ersatz für sein ‘People’s Symphony’ Konzert bei der ‘Town Hall’ am 12. Januar 2014 gefunden werden musste, entschied sich der Moderator der Reihe Frank Solomon anstelle des großen Maestros für Kuok-Wai Lio, einen jungen Pianisten, der dem New Yorker Publikum bisher noch weitgehend unbekannt ist. Lio verfügte nicht nur über eine eindrucksvolle, stilistische Herangehensweise, was das romantische Repertoire betrifft, die Lupos eigenem, klaren Pianismus ähnlich ist, sondern auch über Empfehlungen von den Moderatoren seiner vorhergehenden Klavierabende; Lios Auftritte, besonders seine Schubert und Schumann Interpretationen, hatten ihm viel Ansehen verschafft. Die Tatsache, dass Lio ein talentierter Schüler von Gary Graffman ist, war sicherlich eine weitere lobenswerte Empfehlung, eine von der Sorte, die den Weg zur pianistischen Auftrittsbühne ebnet. Schließlich kann Graffman, der mit seinem gutem Namen als Pianist und Pädagoge, mehr als zwei Jahrzehnten der Leiter des ‘Curtis Institute of Music’, und unter dessen Anleitung einige der heutigen internationalen pianistischen Superstars wie Lang Lang, Yuja Wang, Ignat Solzhenitsyn und Haochen Zhang hervorgekommen sind, sehr wohl seine Magie einstreuen, wenn es darum geht, noch einen weiteren unentdeckten Pianisten zum berühmt werden zu verhelfen.
Foto: Gary Graffman  Ilona Oltuski-GetClassical
Lios Konzert, obwohl es ein bisschen schüchtern begann, kam zunehmend in Schwung, wie er mit seinen gefühlvollen und eloquenten Interpretationen von Franz Schuberts Four Impromptus, D.935 und Robert Schumanns Davidsbündler-Tänze, Op.6. in der historischen ‘Town Hall’ auf der Bühne und beim Publikum die Aufmerksamkeit gewann. Wie er gewinnend zugab, musste er “in große Fußstapfen treten,” als er für den sehr bewunderten Radu Lupo – den herausragenden Poeten an der Klaviatur, den er mit Ehrerbietung als einen ”Klaviergott” beschrieb, kurzfristig einsprang. “Ich wuchs mit seinen Aufnahmen auf, hörte ihnen zu und mochte sie sehr zu schätzen,” sagt er und obwohl Lio nicht, wie er erläutert, ausreichend Zeit hatte, sich mental vorzubereiten – es wurde ihm nur zwei Tage vor dem Konzert angetragen – unterbreitete er: “Irgendwie muss man halt immer bereit sein.”
Foto : Kuok-Wai Lio  Ilona Oltuski-GetClassical
Seinen zweimal im Monat stattfindenen Unterricht mit Graffman beschreibt Lio im Vergleich mit seinen vorhergehenden Erfahrungen in seiner Heimatstadt Hongkong, als eine ganz andersartige, aber ausnehmend fruchtbare Lernerfahrung. “Während in Hongkong sich alles um Disziplin drehte, ging es nun bei Curtis alles um innere Freiheit,” sagt er und beschreibt Graffman als “einen der unterstützendsten und ermunterndsten Lehrer, die man sich vorstellen kann,” und er unterstreicht damit die Tatsache, dass Graffman keineswegs unterstellt, dass seine eigenen Wege die einzige Wahrheit darstellen, die in Betracht gezogen werden sollten. Vielmehr flößt Graffman seinen Studenten Selbstvertrauen ein und gibt ihnen so das Werkzeug, ihre eigene Stimme zu entwickeln wie auch die Courage, ihrem eigenen Urteil zu vertrauen. Diese Herangehensweise wird untertützt, indem die Studenten einer Vielzahl von Lehrern und verschiedenen Methoden und Stilen vorgestellt werden. Dennoch ist es manchmal schwer, ein Gleichgewicht zu finden, meint Lio, als er sich seines letzten Jahres bei Curtis erinnert, als er exzessiv arbeitete und Graffman ihn davor bewahrte, sich zu sehr anzustrengen, indem dieser sagte: “Du must nicht so spielen, als ob du heute abend auftreten würdest.” Genauso wichtig für den Lernprozess ist die Tatsache, dass Graffman selbst ein hervorragender Pianist ist, dessen Autorität vom Großartigstem der pianistischen Tradition herrührt, was anscheinend mit seiner Rolle verflochten ist. Als ehemaliger Student bei Curtis, zunächst von Isabelle Vengerova [die Mitbegründerin von Curtis] und später von Vladimir Horowitz als seinen Lehrern, hat Graffman sich mit einer Schar von Musiker angefreundet, und erkundete so aus erster Hand die Traditionen des Goldenen Zeitalters des Klaviers und besuchte Konzerte von solchen Größen wie Hofmann, Rachmaninoff und Kapell. Was in Lios Bescheibung von Graffman heraussticht, ist seine joy de vivre; sein Enthusiasmus für alles Neue und Unterschiedliche und seine erbauliche Gemütsart und sein Optimismus: Dies sind wesentliche Qualitäten, die ein Künstler und Mentor haben sollte,” meint Lio “er personifiziert die Grenzenlosigkeit des Geistes, und wenn man sich von Ihm inspirieren läßt, fühlt man sich so, als ob es nichts gäbe, was man nicht machen könnte” – in den Händen großen Talents, die es zu befähigen gilt, keine kleine Sache.
Als Gary Graffman und seine Ehefrau Naomi hinter die Kulissen traten, um Lio nach dem Konzert zu sehen, wurde deutlich, wie sehr die Graffmans sich mit dem Leben von Garys Studenten über deren Karriere hinaus verbunden fühlen. Graffman bleibt fortwährend mit all seinen Studenten, in der Vergangenheit wie auch der Gegenwart, in Kontakt, unterrrichtet und hält sich über den Ablauf eines jeden Pianisten auf dem Laufenden; er besucht regelmässig viele ihrer Konzerte. Außergewöhnlich ist die Loyalität, die einige seiner Star-Schüler aufrecht erhalten, was seine enge Bindung zu Lang Lang miteinschließt, der, genervt von der Tatsache, dass sein großer Mentor nicht Schritt mit der letzten Technologie hält, ihn vor Kurzem mit dem neuesten Handy Model versorgt hat. “Sie rufen alle an, schreiben eine SMS oder eine E-mail,” sagt er. Der elegant kuratierte Wohnsitz der Familie Graffman an der 57. Strasse beherbergt eine ausgedehnte Kunstsammlung, bestückt mit einem bunten Gemisch von asiatischen Artefakten verschiedener regionaler und historischer Herkunft und ist komplett ausgestattet mit einer Bar, ein idealer Ort, Gäste zu bewirten.
‘Seine Musiker’ kommen oft vorbei,  wie auch nach New York kommende Auftrittskünstler, einschließlich Künstler wie Evgeny Kissin, die nach einem Konzertauftritt in der Carnegie Hall gegenüber auf der anderen Strassenseite auch bei Graffmans zu Gast sind. Ganz ein Chameur, erzählt Graffman, während er hinter der Bar uns einen Drink mixt, einige Anekdoten über seine Familienherkunft, sein pianistisches Vermächtnis und seine weltweiten Reise- und Unterrichtserfahrungen, die ihn bei Laune hielten, selbst nachdem seine Auftrittskarriere ein abruptes Ende gefunden hatte. Ähnlich wie bei seinem Kollegen, dem 1964 erkrankten, geachteten Pianisten Leon Fleisher, erlitt Graffman im Jahre 1979 ein Leiden an den Streckmuskeln seiner rechten Hand, an der die Ring- und die beiden kleinen Finger schwächer wurden und sich mit unkontrollierbaren Krämpfen krümmten, was eine Fortsetzung seiner pianistischen Karriere, die auf einem zweihändigen Repertoire basiert, unmöglich machte. Dieser Zustand, der auch allgemein als fokale Dystonie bekannt ist, führte im Leben des Pianisten zu einer tiefeinschneidenen Veränderung, als klar wurde, dass ein bloßes Verändern des Fingersatzes innerhalb der Partituren nicht ausreichen würde und Graffman sein Leben entsprechend anpassen musste. Ein großes Maß an Courage, Vorausblick, Bescheidenheit und seine Fähigkeit, das Positive in den Dingen zu sehen, hervorbrachte kamen ihm in dieser schweren Zeit zu Hilfe: “Zu diesem Zeitpunkt sah es so aus, als handelte es sich um das Ende der Welt, aber zum Scluss stellte es sich als o.k. heraus,” meint er. “Sonst wäre ich nie der Leiter von Curtis geworden,” fügt er hinzu, und mit Sicherheit hätte er nicht eines der größten Vermächtnisse als Mentor für die nächste Generation von Pianisten begründen können, von denen ihn viele nicht nur dafür bewundern, die Schätze der großen pianistischen Tradition weiterzugeben, sondern ihre Sinne für die Bedeutung von Kultur in unserer Zivilisation im Allgemeinen zu öffnen. Yuja Wang war davon beindruckt, wieviel sie von Graffmans großem Wissen über ihre eigene chinesische Kultur für sich aufnehmen konnte, als sie als junges Mädchen zu Curtis kam. (Siehe meinen Artikel über Yuja Wang)
In seiner Autobiografie Journey of a Thousand Miles: My Story beschreibt Lang Lang sehr detailliertwie sich Graffmans praktische Anleitung als Mentor immer darauf richtete, die ganze Person anzusprechen und zu inspirieren, nicht nur den Pianisten in ihm selbst; eine Erfahrung, die er wahrhaftig schätzte und ihn fortan begleitete. Graffman förderte besonders Individualität bei seinen Studenten und vermied so die Fallstricke von Eintönigkeit im Klang und Manierismus, was das Ergebnis rigider Unterrichtsformen ist. In seinen Augen spielt jeder seiner Studenten auf einzigartige Weise, mit einem spezifischen Ausdruck, der als dessen eigener erkennbar ist. Graffmans eigene Faszination mit asiatischer Kultur mag – wie er es nennt – ein angeborenes Interesse sein. “Wenn ich in ein Museum ging, blieb ich mich immer in einer der indischen, japanischen oder chinesischen Gallerien hängen,” erinnert er sich, “Ich ging buchstäblich dort verloren – man musste nach mir Ausschau halten. Später, als wir in diese Wohnung zogen, begann mein guter Freund, der Pianist Julius Katchen, der in Paris lebte und mit einer in Vietnam geborenen französischen Frau verheiratet war, während seiner Konzerttourneen asiatische Kunst zu sammeln und setzte mich darauf an. Zu der Zeit gab es nur drei wichtige Kunstgeschäfte, die mit asiatischer Kunst handelten, es war nicht teuer und ich kaufte und kaufte. Nachdem mein Handproblem angefangen hatte, brachte ich mich mehr ein und wollte mehr darüber lernen, indem ich Kurse an der ‘Columbia University’ nahm. Im Jahre 1981 nahm ich zum ersten Mal an einer Gruppenexkursion in den Fernen Osten teil. Zu der Zeit hatten die Chinesen damit angefangen, solche Gruppen willkommen zu heißen und so reisten wir in die entferntesten Winkel der Hunan und Szechuan Provinzen. Als ein guter Freund von mir Leiter von Sothebys in Hongkong wurde, kam ich zu Besuch, buchte Touren mit Experten und konnte so die besten Stücke sehen, nicht nur das, was zur Ansicht in den Fenstern steht,” sagt Graffman, der nichts von dem großen Gespür verloren hat, einen würdigen Fund gemacht und etwas Besonderes entdeckt zu haben, der es wert ist, seine Zeit, sein Interesse und Engagement darauf zu verwenden.
Um sein pianistisches Vermächtnis zu würdigen, hat Sony die gesamten Aufnahmen von Gary Graffman im Oktober 2013 aus Anlass seines 85. Geburtstages veröffentlicht. Graffmans Auto-Biographie : Ich sollte eigentlich lieber üben, ist im Handel zu erhalten. siehe hier
Ilona Oltuski – GetClassical

Monday, April 21, 2014

Ursula Oppens – an die nächste Note denken


Betritt man die einfach möblierte und aber komfortable Wohnung an der ‘Upper West Side,’ von der man einen Blick auf die edle Patina der historischen Kuppel, die zu dem Gebäude auf dem Columbia Campus gehört, wird man sofort von der lebendigen Aura erfasst, die diese hervorragende Musikerin umgibt.
Die symphatische Pianistin spricht mit sanfter Stimme und denoch sehr lebendig in einer willkommenheißenden Weise; ihre Reputation ist mit einem erstaunlicherweise gewaltigen Aufgebot ausgezeichneter zeitgenössischer Komponisten verbunden, von denen einige bedeutende Werke Oppens gewidmet wurden. Wie nicht anders zu erwarten, ist Oppens zu einer der prägnantesten Förderer ihrer Werke geworden.
Bildnachweis: Ilona Oltuski – GetClassical
Oppens wurde jüngst aus Anlass ihres siebzigjährigen Geburtstages von ihren über lange Zeit treugebliebenen Fans mit einem Konzert im ‘Symphony Space’ gefeiert. Die Show war ein Projekt, das aus der Zusammenarbeit mehrerer ihrer Studenten entstanden war: Winston Choi, Ran Dank, Soyean Kate Lee und Anthony Molinaro, die ihr Werk und ihr Vermächtnis ehren. Oppens pianistische Karriere war besonders von ihrer Zusammenarbeit mit dem legendären, amerikanischen Komponisten Elliot Carter beeinflusst worden, der für sie noch immer eine unglaubliche Quelle ihrer Inspiration ist.
“Eines Sommers kam ich nach Marlboro, nervös, jung und leicht zu beeindrucken. Ich hatte während meiner Zeit im College keinen formalen Musikunterricht gehabt, aber da war ich nun. Carter kam in diesem Sommer zu Besuch und sie entschlossen sich ganz spontan, in Marlboro ihm zu Ehren, etwas von seiner Musik zu spielen. Es gab wenig Zeit zur Vorbereitung und schließlich meldete ichmich als Freiwillige. Ich hatte zuvor diese Musik in Aspen gehört und ich hatte ihn auch über diese reden hören. Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal die Partitur durchlas und für das Konzert das erste Mal übte; ich hatte eine falsche Note gespielt und intuitiv deren Verkehrtheit gespürt. Es gab ein starkes Gefühl dafür, den Text und dessen Zusammenhang zu verstehen und so entdeckte ich eine sehr wichtige Beziehung,” erklärt Oppens.
Die Aufführung seiner Sonate für Flöte, Oboe, Cello und Cembalo, auf die sie sich vorbereitet hatte, war ein Erfolg. Als Oppens eine ähnliche Situation mit Carters Doppelkonzert bei Tanglewood erlebte, war es ihr klar, dass dies eine anhaltende Beziehung werden sollte: der Rest ist Geschichte,“ meint Oppens, als sie ihre Arbeit mit dem anspruchsvollen Komponisten beschreibt. Carters Meisterstück Night Fantasies war von Oppens mit in Auftrag gegeben und finanziert worden.  Foto Ursula Oppens mit Elliot Carter, A.Addey

“Er war immer überaus liebenswürdig, aber bestand immer fest auf alle ausdrucksvollen Hinweise der Phrasierung und dessen, was heraussticht,” erklärt sie.  “Ich fühlte mich immer in seiner Gegenwart ein bisschen sprachlos, indem ich seine enorme Beherrschung von Sprachen und seine Erinnerung, aber vor allem seine gesellige Persönlichkeit bewunderte: Für mich stellte er das Ideal eines gebildeten Schaffenden dar und ich mag es sehr, meinen Studenten seine Musik beizubringen und so sein Vermächtnis weiterzugeben.” Oppens Erfolg mit ihren Studenten am ‘CUNY Graduate Center’ und dem Musikkonservatorium am ‘Brooklyn College,’ wo sie eine Lehrposition als ‘Distinguished Professor of Music’ innehat, macht ihr persönlich viel Freude und bringt ihr die Genugtuung in der modernistischen Tradition weiterzumachen, wovon einiges aus ihren eigenen Händen erwuchs.
“Ich schätze mich sehr glücklich, dass es eine Anzahl von wundervollen Stücken gibt, die für mich geschrieben worden sind,” sagt sie, während sie mir eine alte Mitgliedsausweiskarte für die ‘International Society for Contemporary Music’ zeigt, die einst ihrem Vater Kurt Oppens gehörte. “Die Gesellschaft gibt es auch heute noch und ich glaubte, ein Teil meines Interesses an zeitgenössischer Musik stammt einfach von meinen Eltern.” Oppens Eltern waren beide Teil der musikalischen Welt “und große modernistische Enthusiasten,” sagt sie. Sie, die am Radcliff College ihren Abschluss gemacht hat, verbrachte selbst viel ihrer Zeit bei der Gesellschaft. Radcliff hatte zu dieser Zeit nicht seinen eigenen Musikdarbietungs- oder Kompositionsfachbereich und es war bei der Gesellschaft, wo sie Beziehungen zu anderen Musikern anbahnte, von denen sie einige noch immer als ihre engen Freunde betrachtet. Erst nachdem sie die Julliard School besucht hatte und unter der bekannten Pädagogin Rosina Lhevinne studiert hatte, strebte Oppens aktiv eine Laufbahn als Pianistin an, was eine partielle Teilnahme am Zyklus der Wettbewerbe beinhaltete; sie wurde die erste Preisträgerin beim Busoni Wettbewerb und im Jahre 1976 eine Empfängerin des ‘Avery Fisher Career Grant’.
 Foto: mit freundlicher Genehmigung von Hemsing Associates

Über viele Jahre hat Oppens für ihren Zugang und ihre Aufmerksamkeit für Musik, die  herausfordern ist  - von Komponisten wie Milton Babbitt, Pierre Boulez und Charles Wuorinen - eine Reputation gewonnen, die keine Parallelen hat. Sie hat für ihre Aufnahmen von sowohl romantischem als auch zeitgenössischem Repertoire Grammy Nominierungen erhalten. Das vielgepriesene Album ‘Winging It: Piano Music of John Corigliano,’ das 2011 bei Cedilla Records herausgegeben wurde, hat ihr die bis jetzt letzte Nominierung im Jahre 2012/13 für das ”beste klassische Instrumentalsolo” eingebracht.
 “Wenn man mit Musiker-Freunden zusammen ist, möchte man zusammen Musik machen,” und das ist, was sie an ihrer anhaltenden Beziehung mit dem hervorragenden Pianisten und Julliard Professoren Jerome Lowenthal schätzt: “wir spielen immer viel vierhändiges Repertoire zusammen und uns gehen nie die Themen aus.” Eines der Ergebnisse ihres intimen musikalischen Austausches ist auf ihrer jüngsten CD von Cellille Records eingefangen worden, das Visions d’Amen von Olivier Messiaen und Debussys ‘En blanc et noir’ gewidmet ist.
Zuvor war Oppens mit dem inzwischen verstorbenen Komponisten und Advantgarde-Saxophonisten Julius Hemphill verheiratet gewesen, den sie im Jahre 1983 bei einer Tournee des ‘New York State Council of the Arts’ kennengelernt hatte.
Im Leben eines Musikers lässt das Eingehen einer Freundschaft mit anderen Musikern oft einen Weg zu einer Karriere entstehen. Einige der ersten Komponisten, die sie bei der internationalen Gesellschaft traf und auf Werke ansprach, die sie spielen konnte, waren Peter Lieberson und Tobias Picker. Nicht viel später erlaubte Oppens ein Stipendium vom YCA, das junge Pianisten unterstützte, einen neuen Auftrag der ‘Washington Performance Art Society’ in Form eines Werkes, das für sie von Frederic Rzewski geschrieben wurde, der nun in Brüssel wohnt (nur ein Telefonanruf weit entfernt wie Oppens sagt): “Ich hatte nicht ein einstündiges Stück erwartet und hatte auch keine Idee, was die Reaktion des Publikum sein würde – denn gemäß dem, was ich wusste, hätte das Stück ausgebuht werden können,” aber ‘The People United Will Never Be Defeated‘ wurde zu einem der Meilenstein-Werke, für die sie in ihrer lang anhaltenden und immer noch aktiven Karriere berühmt werden sollte.
“Ich war immer dazu bereit, Risiken einzugehen und ich war auf Werke neugierig, die ich nicht zuvor gehört hatte,” meint Oppens, die viele ihrer prägenden Sommer hinter den Kulissen beim Aspen Musikfestival verbrachte. Dieses Credo bleibt zentral für das, was sie ist, nämlich ein freier Geist. Oppens genießt es, bei Gelegenheiten zu spielen, die ihre humanistische und demokratische Weltanschauung demonstrieren. Ein fesselndes Erlebnis war es für sie am 37. Jahrestag von Portugals Nelkenrevolution in Lissabon im April 2011 zu spielen, der an den Sturz des autoritären Estado Novo Regimes erinnerte. Sie spielte die portugiesische Hymne als Teil ihrer Darbietung von Rzewskis ‘The People United Will Never Defeat,’ während der emotional aufgeladenen Feier zur nationalen Befreiung.
Im Jahre 1971 war Oppens Mitbegründerin von ‘Musicae’, einer neuen Kammermusikgruppe mit einigen ihrer engsten Freunde und Gefährten, einschließlich des Cellisten Fred Sherry, des Perkussionisten Richard Fritz und des Oboenspielers Joel Marangella. “Rolf Schulte und Virgil Black waren auch Mitglieder,” sagt Oppens, es handelte sich um eine so aufregende Zeit. Wie heute wurden viele Gruppen von Studenten gebildet, die nicht den Stempel der Zustimmung von konservativen Institutionen bedurften. Es gab viel Unterstützung und neue Veranstaltungsorte für Auftritte machten auf.”
“Einer der Hauptaspekte unserer besonderen Gruppe war Elliot Carter. Er hielt uns zusammen und ist auch der Grund dafür, dass wir immer noch so eng zusammen arbeiten,” sagt sie. “Wir liebten seine Musik, seine Leidenschaft verband uns und seine Liebenswürdigkeit uns gegenüber erhielt unsere Freundschaften intakt, selbst nachdem wir lange unsere eigenen Wege gegangen waren.”
Die ‘New York Times’ lobte ihren jüngsten Auftritt beim Konzert zu Ehren Carters im Jahre 2013, das das “fiebernde Verlangen und die poetische Träumerei“ von Carter’s Night Fantasies einfing, die für sie mit unfehlbaren dramatischen Sinn und fast filmischer Farbe geschrieben worden waren.”
Während Carter einen sehr besonderen Platz in Oppens Herz und ihrer Auftrittskarriere einnimmt, hat sie sich seit 1975 wie wild für eine Reihe unterschiedlicher Komponisten eingesetzt. Das bunte Kollektivgemisch liest sich wie eine enzyklopädische Liste eines zeitgenössischen Idioms und beinhaltet Komponisten so unterschiedlicher Art wie John Adams, Julius Hemphill, Frederic Rzewski, Conlon Nancarrow, John Corigliano, John Harbison, William Bolcom, Anthony Braxton, Tania Léon, Tobias Picker und Charles Wuorinen.
Sie hat sich auch bei Darbietungen der Werke von europäischen, modernistischen Meistern wie Luciano Berio, Gyorgy Ligeti und Witold Lutoslawski hervorgetan. Aber wie sie bescheiden sagt: “Ich kann aber nur so und soviel neue Musik lernen, vor jedem Konzert, jeder Aufnahme, denke ich nur an die nächste Note.” Neben ihren Aufnahmen und Konzerten von vielen der Werke ihrer Zeitgenossen, mag sie ebenso traditionelles, klassisches Repertoire, welches sie auch täglich übt.
“Ich empfinde die Notwendigkeit sowohl tonale als auch atonale Musik zu spielen und zu üben. Man muss offen bleiben und die Notenschrift so lesen, als hätte man sie noch nie gehört, was auch sehr wichtig ist, wenn man ältere Musik darbietet. Aber es ist neue Musik, bei der mir die Übertragung der Notenschrift in den Klang ans Herz gewachsen ist.” Sie bietet Studenten folgenden Ratschlag: Man kann nicht das Hören eines Musikstückes, das man auf einer Aufnahme zugehört hat, vergessen machen und deshalb schlage ich vor, mehr als nur eine zu hören, um die Bandbreite von Interpretationsmöglichkeiten zu sehen. Es geht dabei sehr um das menschliche Moment, die Überraschung des Ergebnisses und die Vieldeutigkeit des Übergangs.”
Eines von Oppens interessanten Projekten, was vor einiger Zeit begann, ist die Zusammenarbeit mit dem Pianisten Bruce Brubaker in einer Zusammenstellung der Werke von Meredith Monk für Solo Piano oder Piano Duett mit dem Titel Piano Songs; die CD wird vom ECM Label im Mai 2014 herausgegeben werdenDas wird mit dem Kompositionsgastspiel von Meredith Monk an der ‘Carnegie Hall’ während der Saison 2014/15 zusammenfallen.
“Bruce und ich kennen uns von Julliard und er hat vieles von einigen der Werke derselben Komponisten gespielt, was ich auch gemacht hatte, aber wir sind nie zusammen aufgetreten, bis wir von Merediths Musik zusammengebracht wurden, als wir im Jahre 2005 in der ‘Zankel Hall’ bei einem Konzert zur Feier des Komponisten spielten. Viel Energie, die diese Aufnahme möglich machte, kam von Bruce; wir fügten weitere Stücke hinzu, bis wir eine komplette Aufnahme hatten. Wir gaben in Boston ein Konzert und nahmen dann in der exquisiten ‘Jorden Hall’ am ‘New England Conservatory, wo Bruce den Klavierfachbereich leitet,” erläutert sie.
Einige der Stücke begannen als Partituren für Gesang oder für Gesang und andere Instrumente und diese in eine andere Welt zu übertragen, gibt uns die wundervolle Gelegenheit, die Musik wieder von neuem zu hören,” sagt Brubaker im Begleitheft zur CD. “Die Stücke basieren auf Werken aus den Jahren 1971 bis 2006.”       Bildnachweis: Ilona Oltuski – GetClassical

”Meredith Monks Musik ist äußerst interessant,” fügt Oppens hinzu, “da sie von einfachen Teilen zu kommen scheint, aber sie wird sehr komplex – ich würde sie fast mit Mozart vergleichen wollen, indem man denkt, die Wiederholung seiner Sonaten sind fast genauso wie die Exposition, mit Ausnahme des entscheidenden Vorzeichens; aber dann stellt man all die subtilen Unterschiede fest; es hat ein perfektes Gleichgewicht, aber die Veränderungen halten an, indem es fortschreitet,” sagt sie. Brubaker kommentiert ebenfalls das “faszinierende Gleichgewicht” in Monks Klaviermusik, zwischen Einfachkeit und der Art von Musik, die man noch nie zuvor gehört hat.” Bezüglich des Komponierens für zwei Klaviere bemerkt der Komponist: “Ich vertiefte mich in verschiedene Beziehungen und die Möglichkeiten, die zwischen ihnen bestehen…In einigen Stücken, betonte ich die Individualität des Klaviers, indem ich für einen Spieler als der ‘Sänger’ schrieb [und] das andere als die Begleitung; in anderen Stücken wollte ich, dass die beiden Klaviere einen großen Sound hervorbringen.”
Im November 2014 werden Brubaker und Oppens beim LePoisson Rouge ein Programm spielen, das aus Monks ‘Piano Songs’ schöpfen.
“Während der letzten wenigen Jahre, habe ich mehr Aufnahmen gemacht als erwartet,” meint Oppens, “es mag mit meinem Alter zu tun haben: Man denkt, dass man Stücke rekapitulieren muss, die man über eine lange Zeit hinweg gelernt hat und es gibt gewiss etwas, was dafür spricht, dass man Dinge zusammenfassen möchte.”
Demnächst bevorstehende Projekte für die 2014/15 Saison werden eine Bernard Rands CD in diesem Herbst, eine William Bolcom Aufnahme für Naxos und ein Wieder-Aufnahmeprojekt von ‘The People Reunited’ komplett mit einer improvisierten Kadenz von Oppens beinhalten.

Wednesday, April 16, 2014

Musikalisches Talent liegt in der Familie – Gerard und Julian Schwarz


Wenn sie aufgezogen werden, um die ‘Meister’ der nächsten Generation zu werden, sehen sich junge musikalische Talente, die als Kinder professioneller Musiker aufwachsen, oft einem besonders herausfordernden Reifeprozess konfrontiert. Einige der großartigen Privilegien, wie der fotwährende Umgang mit dem Musikleben und die Prägung durch musikalische Anregung schon in früher Kindheit werden von der Notwendigkeit untergraben, sich von sowohl den elterlichen als auch den musikalischen Autoritätsfiguren in der Bemühung, seine eigene Stimme zu finden, abzusetzen.
Bildnachweis: Steve Sherman
Während er sich um eine eigene Identität bemühte, sah sich Julian Schwarz, ein talentierter junger Cellist, mit der Frage konfrontiert “wie sehr man über seine Familie definiert werden möchte, besonders über seinen Vater, der ein bekannter Maestro ist?” “Das war etwas, das ich erst für mich klären musste,” meint Julian. Er spricht mit Leidenschaft von dem Weg, auf den er sich begab, um herauszufinden, was er persönlich der musikalischen Welt und einem Lebenstil bieten könnte, den er immer in höchsten Ehren gehalten hatte. “Ich war immer auf meinen Hintergrund und das musikalische Leben, das ich mit meiner Familie teilte, stolz: meine Mutter, meine Großeltern, meine Tanten und viele meiner Cousins sind Musiker. Meine Eltern trafen sich eigentlich durch den Vater meiner Mutter, einem begabten Violinisten, als mein Vater die erste Trompete bei der ‘New York Philharmonic’ spielte. Es ist nicht nur mein Vater – Musik ist eine Familienangelegenheit.”
                                                                                                                                                             Foto: Julian Schwarz, von Amélie Gagné
Als er aufwuchs, liebte Julian die Spannung, die ein Konzertbesuch und das Schwänzen der Schule aufgrund von Proben hervorrufen. Als schießlich die Leute Kommentare über eine “Vorzugsbehandlung” abließen, wurde Julian klar, dass er gemäß seiner Familienabstammung bewertet wurde, indem einige Lob zurückhielten, um nicht in Verdacht zu geraten ihn vorzuziehen und andere dies wiederum einfach aus Neid taten. Er fühlte sich verletzlich und versuchte sich von seiner musikalischen Identität zu distanzieren, manchmal indem er die Tatsache zu verheimlichen versuchte, dass sein Vater der Maestro Gerard Schwarz war.
Julian begann in der Schulzeit sich aktiv um Auftritte zu bemühen. Als er an verschiedenen lokalen Orchester Wettbewerben sowie Kammermusikaufführungen teilnahm, begann er sich musikalisch sicherer zu fühlen und merkte, dass etwas “geklickt hatte.” Schließlich entschloss er sich, die ‘Coburn School’ in Los Angeles zu besuchen, um seine musikalische Ausbildung fortzusetzen. Es dauerte nicht lange, bis das Management aufmerksam wurde, sich für Julians Berufslaufbahn zu interessieren begann und Konzertourneen initiierte; aber Julian fühlte sich noch nicht in der Lage, seinen Schulbesuch mit seinem aufblühenden beruflichen Leben in Verbindung zu bringen.
Julian und seine Geschwister wuchsen in Seattle auf, wo ihr Vater Gerard Schwarz, der zum Dirigenten gewordene Trompeter, seine lang anhaltende Beziehung zur ‘Seattle Symphony’ begonnen hatte. Als eine der Schlüsselfiguren half Maestro Schwarz, die künstlerische Gemeinde von Seattle zu formen und fortzubilden: Es war mein Ziel eine Community aufzubauen und mein Motto war – wir müssen großartige Konzerte spielen, dann wird das Publikum kommen.” Unter Gerards Leitung errichtete das ‘Seattle Orchestra’ seine eigene, neue Konzerthalle, genannt Benaroya Hall. Die Straße, die zu dieser führte, wurde Gerard Schwarz Place benannt. Der Dirigent, dessen Porträt das Vestibül des Saals verziert, verschrieb sich voll dem fünfjährigem Projekt, was einen Konzertsaal mit einer einem weltbekannten Orchester angemessenen Akustik zum Ergebnis hatte, das - und das sagt er mit Stolz - großartig klang, zumindest als ich es vor ein paar Jahren verließ.”
Als Julian im Jahre 2010 zurück nach New York zog, fand er, dass es an der Zeit war, sich ein neues Zuhause in der Stadt zu schaffen, von der er denkt, dass sie der ideale Ort für Musiker ist. Es war zu dieser Zeit, dass er das Gefühl bekam, musikalisch gesehen “sich selbst gefunden” zu haben. Im Jahre 2010 hatte er mit einem Cello Konzert Premiere, das vom Komponisten Samuel Jones, der bei der “Seattle Symphony” zu Gast war, mit ihm in Hinterkopf geschrieben worden war. Bei der Eröffnungsgala der ‘Symphony’ in diesem Jahr teilten sich Vater und Sohn die Bühne und Julian fühlte sich zum ersten Mal wie der Solist, der er wirklich war. Er schaffte es, seinen Vater zu beindrucken, der “ein bisschen nervös” ein schnelles Durchspielen zuhause vor dem Auftritt des Abends vorgeschlagen hatte. “Er prüfte mich ein bisschen und als er mir dann den Notenständer anbot, um Teile des Stückes durchzuspielen, lehnte ich ab. Ich hatte das ganze Stück auswendig gelernt und es mir zu eigen gemacht und mein Einsatz war uns beiden klar,” merkt Julian an. 
Foto: mit freundlicher Genehmigung Julian Schwarz
Es ist schwer übersehbar, dass er der Sohn des Vaters ist, wenn man über den jungen Cellisten spricht, denn der charismatische Vater kann sich eines Aufnahmekataloges bestehend aus 350 Werken über seine lang anhaltende Karriere hinweg rühmen. Julian spricht in hohen Tönen über seinen Vater: “Es macht mir Spaß mit ihm zusammenzuspielen. In vielerlei Hinsicht ist er es, von dem ich am meisten gelernt habe. Ich bewundere meinen Vater – es bedurfte der Entdeckung, dass ich und mein Vater in vieIen Dingen musikalisch wie auch im Leben übereinstimmen, aber ich musste dahin auf meine Weise gelangen. Je mehr ich musikalisch auf die Beine stellte, je weniger lehnte ich den großen Einfluss ab und sah ein, wie glücklich ich mich für all die Einblicke und die großartigen Momente, die er in mein Leben gebracht hatte, in der Tat schätzen konnte.” Solche von Julian mit seinem Vater geteilten Erlebnisse umfassten in Liverpool zusammen verbrachte Sommer, als Gerard das ‘Royal Liverpool Philharmonic Orchestra’ dirigierte oder auch Zeit in New York, nachdem Gerard Schwarz 1982 der erste musikalische Direktor von ‘Mostly Mozart’ am Lincoln Center wurde, eine Position, die er für 20 Jahre inne hatte. 
Die Beziehung zwischen diesen beiden Talenten wirft die Frage auf, wann es Ihnen als Vater und Dirigent aufgefallen ist, dass das Kind zuhause Talent hat? “Von Anfang an,” sagt Gerard, “als Julian im Alter von fünf Jahren Klavierunterricht nahm. Man konnte sehen, dass er eine wunderbare musikalische Begabung hatte und als er mit dem Cellospielen begann, fielen ihm viele Dinge wie Intonation, Improvisation, dem Gehör nach zu spielen einfach zu.” Indem er in einer großen Familie mit einem großen musikalischen Kontingent aufwuchs – elf Familienmitglieder besuchten die Julliard School – spielte Julian viele Instrumente, zeigte aber ein anhaltendes Interesse am Cello. Talent zu haben und eine Karriere anzustreben sind jedoch zwei völlig verschiedene Dinge. “Wir haben nie zu viel Druck ausgeübt,” erläutert Gerard, aber wir machten Musikstunden zur Bedingung seiner allgemeinen Ausbildung.” Julian besuchte auch die Sommerschulen, wo man üben musste oder sonst nichts zu tun hatte,“ sagt sein Vater ganz paragmatisch, der auch zugibt, sich gewünscht zu haben, dass eines seiner Kinder – es gibt drei Geschwister die nicht Musiker sind – ein Musiker wird: “Ich dachte, ich mag tatsächlich in der Lage sein, ihm zu helfen. Aber ich weiss, wie schwer es ist, als Musiker Karriere zu machen und ich ermutigte ihn nur dann ein Musikerleben anzustreben, wenn er das Gefühl hätte, dass er es absolut machen müsste.” Gerard kann das nicht datieren, aber er deutet an, dass diejenigen, die Julian zuhören, wissen, dass er das Zeug dazu hat: Ob im Alter von 11 Jahren oder mit 21, es gab immer diejenigen die meinten, er hätte nur aufgrund unserer Beziehung eine Chance, bis sie ihn schließlich spielen hörten. Und am Ende gleichen sich die Gelegenheiten, die er bekommt, mit denen aus, die er nicht bekommt, gerade weil er mein Sohn ist.”
Bildnachweis: Seattle Times
Gerade in jüngster Zeit gelang es beiden Musikern ihre beruflichen Laufbahnen durch Gerard Schwarzs’ letztes Projekt ’All Star Orchestra’ in Verbindung zu bringen, welches seine treibende Kraft in der Welt der Orchester betont wie auch Julian die Gelegenheit zu einem im Fernsehen übertragenen Konzert bot und zwar als der herausgestellte Solist in einer für das Fernsehen aufgezeichneten Orchesterproduktion. “Das ist die interessanteste Sache, die ich jemals gemacht habe,” meint der ältere Schwarz, was angesichts seiner langen überragenden Karriere bemerkenswert ist. Er drückt seine Leidenschaft aus, entgegen aller Widrigkeiten das Publikum für klassische Musik zu vergrößern: “wir müssen akzeptieren, dass nicht jeder großartige Musik schätzen kann, aber wir müssen eine größere Bühne schaffen, um Gelegenheiten zu bieten und einen größeren Bevölkerungsanteil damit in Berührung kommen zu lassen.”
”Das Projekt wird im öffentlichen Fernsehen (als Abonnement erhältich) vorgestellt” und widerspricht damit dem alten Vorurteil, das klassische Musik nur für die Elite ist. Nun umsonst von der Couch aus erhältlich, steht es in der Planung, die Reihe auszuweiten, indem jährlich neue Segmente hinzugefügt werden. Bis jetzt werden für acht Stunden traditionelle Meisterstücke in Kombination mit neun Werken von lebenden Komponisten, einschließlich von Phillip Glass, Brite Chang, Ellen Zwiliech, Augusta Reed Thomas, Bernhard Rens, David Stock, Joseph Schwantener, Samuel Joans und Richard Danielpur dargeboten.
Neben den ‘live’ aufgenommenen Konzerten von handausgesuchten Musikern aus Amerikas Orchestern, gibt es eine bildungsbeogene Website mit vielen Informationen zu den aufgeführten Werken. Zusätzlich wird es gefilmtes Zusatzmaterial geben, das eine vertiefende Analyse eines jeden Stückes wie auch partielle Konzertauschnitte von Orchestersektionen und den Einsichten der Hauptspieler in einjeder Sektion bietet. Alles in allem werden die kombinierten Materalien dem Publikum eine Betrachtung und ein Verständnis der orchestralen Werke bereitstellen, was weit über jede detaillierte Beschreibung hinausgeht, die bis jetzt zur Verfügung stand.
In einer Koproduktion mit der ‘National Association of Music Education’ wird das ‘All Star’ Projekt Millionen von interessierten Zuschauern, einschließlich von vielen Kindern, mittels Streaming, des weiten Vertriebes von den von Naxos herausgegebenen DVDs und des internationalen Fernsehkonsums erreichen. Und nun gibt es darüber Gespräche, begeitende Lehrbücher zu produzieren und darüber, dass die europäischen und asiatischen Märkte sich beteiligen. Die Aufzeichnungen sind alle ohne Publikum und tatsächlich auch ohne volle Probe von den erfahrenen Orchestermusikern gemacht worden, die vom Maestro Schwarz dirigiert wurden; auf diese Weise können die Kameras überall sein, ohne das Publikum im Konzertsaal zu stören. “Nichts Vergleichbares ist seit Omnibus, der pädagogischen Reihe, die in den Fünfzigern mit Bernstein produziert wurde, gemacht worden,” sagt Schwarz. “Wir haben nicht anderes gemacht, als für die Kameras und die Mikrophone zu spielen, indem die Musiker buchstäblich für einander spielten.”
Für Julian war es neben dem Violinisten Yevgeny Kutik und dem Pianisten Xiayin Wang, den anderen beiden jungen Solisten, die auf der Aufnahme herausgestellt werden, zu spielen, “vielleicht die nervenaufreibenste Sache, die ich je gemacht habe. Hier gab es die Crème de la Crème von Orchestermusikern und ich musste mich unter Beweis stellen. Ich war auch sehr aufgeregt – es gab keine Probe, ein jeder wusste vom ersten Moment an, dass es auf jede Note ankommen würde. Es lag Elektrizität in der Luft, wie man es normalerweise nur bei intimerer Kammermusik findet.”
Und aus der Sicht des Maestros: “ich kannte alle Musiker extrem gut und gab ihnen Spielraum. Proben waren praktisch gesehen unnötig und das sparte viel Zeit, was das Wesentliche für eine solche Aufnahmebemühung war (die am New Yorker City Center stattfand). Alle Aufbereitungen wurden im Voraus ausgearbeitet, aber wir benutzten mit wenigen Ausnahmen kaum welche. Es gab kaum einen der glaubte, dass wir alles in der kurzen uns zur Verfügung stehenden Zeit schaffen würden, aber es gelang uns.” Für aktuelle Informationen zu den nationalen Sendungen besuche man: http://www.allstarorchestra.org/
Die Vater-Sohn Kooperation geht weiter: das Paar hat sich nach Australien aufgemacht, um das legendäre Elgar Cello Konzert mit der ‘Brisbane Queensland Symphony’ für das ‘Master Performers Label aufzunehmen.

Tuesday, March 11, 2014

Evgeny Kissin feiert das Erbe jüdischer Kultur in Musik und Dichtung


Als Charles Krauthammer, der langjährige Kolumnist der Washington Post und Mitbegründer von ‘Pro Musica Hebraica’, der Organisation, die an diesem Abend als Gastgeber fungierte, Evgeny Kissin bei dessen jüngsten Konzert in Washington vorstellte, war es von Anfang an klar, dass es sich bei diesem Abend um etwas Besonderes handeln würde.
Foto: Margot Schulman


“Dem heutigen Konzert kommt gerade deshalb ein besonderes Gewicht zu, da Mr. Kissin am 7. Dezember 2013 die israelische Staatsbürgerschaft angenommen hat, als Zeichen unerschütterlicher Solidarität und aus Trotz angesichts der Versuche, israelische Künstler zu isolieren und auszuschließen. Heute Abend ist sein erstes Konzert als Israeli in den Vereinigten Staaten, sagte Krauthammer auf den aus Russland stammenden Pianisten mit britischem Reisepass, verweisend.

Aber über diese politische Haltung hinausgehend war es Kissins Programmauswahl, die das Publikum überzeugte, wie tief der Pianist sich den jüdischen Wurzeln verpflichtet fühlt. Sowohl was die Musik als auch das jiddische Wort anbelangt, bot Kissin eine faszinierende Einführung in ein Kulturerbe, dessen Reichtum keineswegs weit bekannt ist.  Foto: Marot Schulman

Natürlich ist es genau das, worum es bei ‘Pro Musica Hebraica’ geht. Von Krauthammer und seiner Frau Robyn ins Leben gerufen, ist es die Aufgabe der Organisation, die historische und geografische Verschiedenheit des jüdischen Kulturerbes durch eine Palette von Programmen zu erkunden, indem verlorengegangene und vernachlässigte Meisterstücke jüdischer klassischer Musik dargeboten werden.

Nun in ihrer siebten Spielsaison hat die Konzertreihe kantorale Musik, die Werke der vom Holocaust verfolgten Musiker, barocke jüdische Musik aus Amsterdam und Musik, die den Einfluss französischer romantischer Musik auf jüdische Komponisten in sich trägt, abgedeckt. Die Reihe hat so unterschiedliche Künstler wie den Kantor Netanel Hershtik, den Klarinettisten Alexander Fiterstein und den Pianisten Marc-André Hamelin vorgestellt.

“Die Serie versucht den Nachweis zu erbringen, dass es mehr an jüdischer Musik als die offensichtliche Auswahl von Hava Nagilah oder Klezmer gibt,” sagt Krauthammer. “Es gibt eine Fülle von Werken, die es verdient, einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Es ist unsere Hoffnung, diese Werke durch junge, charismatische Auftrittskünstler zu verbreiten, die sie bei ihren nächsten Auftritten mit einbeziehen und so ihre Sichtbarkeit und anhaltende Vitalität zu gewährleisten.”

Wer wäre dafür besser geeignet, als der Star-Pianist Evgeny Kissin, dessen persönliche Überzeugung und künstlerische Berufung mit dem übereinstimmt, was die Krauthammers zu erreichen suchen?
Foto:Margot Schulman

Kissin hat sichergestellt, dass der künstlerische Anspruch des musikalischen Teils des Abends auf keinerlei Weise kompromitiert wurde. Wie James Loeffler, der wissenschaftliche Direktor der Pro Hebraica Serie erklärt, wagte Kissin den Sprung ins kalte Wasser, in ein Repertoire, das ihm größtenteils ebenso unbekannt wie dem Publikum war.
         
“Mit Ausnahme von Bloch kannte Kisin nicht die russisch-jüdischen Komponisten aus dem 20. Jahrhundert. Erst nach einer eingehenden Prüfung von etwa fünfzig Partituren, die wir ihm zum durchsehen und Spielen schickten, hat er seine Konzertauswahl getroffen. Es handelte sich dabei um Stücke, bei denen er nicht das Gefühl hatte, einen Kompromiss hinsichtlich ihrer musikalischen Vitalität eingehen zu müssen; er wollte nie einfach Musik nur deshalb spielen, weil diese jüdisch war.”

Die endgültige Auswahl von Werken von Komponisten wie Moshe Milner, Ernest Bloch, Alexander Veprik und Alexander Krein ließ keinen Zweifel am hohen Niveau von Kissins Auswahl. Indem er den Konzertsaal zu einem von Lebendigkeit erfüllten Raum machte, in der jüdische Kultur zelebriert wurde, nahm der Pianist das Publikum mit auf eine musikalische und dichterische Reise, die von Werken gekennzeichnet wurde, die seine eigene, persönliche Art der Kennzeichnung jüdischer Identität beleuchten.

Moshe Milners dramatisches Farn Opsheyd (Vor dem Sich-Trennen) eröffnete das Abendprogramm. Vom Schöpfer der ersten jiddischen Oper im postrevolutionären Russland mit dem Titel Die Himlen brenen (Der Himmel brennt, 1923) komponiert, hat dieses Werk einen unwiderstehlichen modernistischen, seelenvollen Reiz. Milner war sehr von Scriabin angeregt worden und Farn Opsheyd beschwört eine ähnliche Klangwelt. Im letzten Jahr wählte Kissin Farn Opsheyd als musikalisches Segment einer Veranstaltung am New Yorker Zentrum für jiddische Geschichte, welches sein Engagemenet für jüdische Kultur und Dichtung, ehrte. “Bei jiddischer Kultur handelt es sich um einen wahren Schatz, nicht nur für das jüdische Volk, sondern für die ganze Menschheit” kommentierte er damals.   Foto:Margot Schulman

Die Sonate Nr. 40 des schweizerisch-amerikanischen Komponisten Ernest Bloch stand als nächstes auf dem Programm. Im Jahre 1935 geschrieben, hatte Bloch die Sonate dem italienischen Pianisten Guido Agosti gewidmet, der dieses Werk 1936 in Genf uraufführte.
Blochs Werk zeugt von eher thematisch- intellektuellen und indirekt fühlbarer Beziehung zu seinem Judentum. Den ersten Satz seiner Sonata, beschreibt der Komponist als einen von obskurem und metallischem Charkater, ohne eine Spur von Sentimentalität zu hinterlassen.” Der mittlere Satz  “Pastorale” basiert auf einer volksliedartigen Melodie, welche verschiedene Metamorphosen durchläuft, hindurch durch Arpeggio Verse und konventionelle Triller, die die idyllische Stimmung des Satzes zu begründen helfen; das Finale”…wie die große Hinterfragung des Lebens und der Zukunft, die sich im Unbekannten verliert.”

Blochs lebenslanges Bestreben, seine ästhetische Ideen und seinen spirituellen-kulturellen jüdischen Hintergrund in Verbindung zu bringen, werden in solchen Werken wie seinem Baal Shem Suite aus dem Jahre 1923 offensichtlich, viele tragen hebräische Namen und beinhalten den historischen Begriff vom Judentum und des jüdischen Altertums.

Kissin eröffnete die zweite Hälfte des Konzerts mit Alexander Vepriks Sonate Nr.2, Op.5, die 1924 komponiert worden war. Als einer der größten Komponisten der “jüdischen Schule” betrachtet, gehörte der in der Ukraine geborene Veprik einer Gruppe von Komponisten an, die im Jahre 1923 die Moskauer Gesellschaft für jüdische Musik gründeten. Diese erwuchs aus der Gesellschaft für jüdische Volksmusik, die im Jahre 1908 von einer Gruppe junger Musiker am Konservatorium in St. Petersburg gegründet worden war und von dem prominenten russischen Komponisten Nikolai Rimsky-Korsakov gefördert wurde. Das erneute Interesse an jüdischer Kultur führte durch die Zwanziger Jahre hindurch zu einem nie zuvor dargewesenen Aufblühen der Künste. Zu dieser Zeit erfreute sich Vepriks Oeuvre auch in Europa und den Vereinigten Staaten großer Beliebtheit. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielte fast das gesamte Oeuvre in der Zeit zwischen 1928-1929; in New York dirigierte Arturo Toscanini Vepriks Dances and Songs of the Ghetto im Jahre 1933 in der Carnegie Hall.
         
Während sowohl Vepriks als auch Milners Werke nur subtil nuancierte Intonationen, die an jüdische Volksmelodien erinnern, aufzeigen, ist Alexander Kreins Suite Dansee voll von jüdischen Elementen und bietet so einen sehr persönlich zugeschnittenen Einblick in ein Mileu, das Gefahr läuft, aus der Erinnerung zu verschwinden.

Zu einer Zeit, als zunehmender politischer Druck viele Künstler dazu brachte, Kompromisse hinsichtlich ihres persönlichen Stils einzugehen, holt Suite Dansee seine Anregung aus der modernen, harmonischen Sprache von Komponisten wie Debussy, Ravel und Scriabin. Einige von Kreins wichtigsten Werken basieren auf jüdischen und liturgischen Melodien, wie seine symphonische Kantate Kaddish, beziehen sich auf die frühen Zwanziger Jahre; er setzte bis hin in die Mitte der Vierziger Jahre seine Neudefinition der Melodien fort, die jüdischen Ursprung hatten.

Zwischen seiner Musikauswahl stellte Kissin eine Auswahl von Gedichten von Hayim Nahman Bialik und Yithak Leibush Peretz vor und bot so dem Publikum die einzigartige Gelegenheit, etwas über seine tiefgreifende Zuneigung an dem kulturellen Erbe, dem er sich verpflichtet fühlt, zu erfahren. Indem er die ergreifenden und oft psychologisch tiefgehenden, poetischen Verse rezitierte, verwöhnte Kissin sein Publikum mit dem rythmischen Trubel der tadellos ausgesprochenen jiddischen Verse und sein engelhafter Ausdruck hinterließ das Publikum mit einem fast jenseitigen Gefühl. Man musste nicht seine Phantasie zu sehr bemühen, um sich Kissin als kleinen Jungen vorzustellen, der Zeit in der Datshka seiner jiddisch sprechenden Großeltern väterlicherseits am Rande Moskaus verbrachte. Hier war es, wo er die Liebe zur jiddischen Sprache übernahm, und hinsichtlich derer er sich viele Jahre später entschloss, diese zu lernen, wie er mir einst beim Abendessen auf New Yorks ‘Upper West Side’ erzählte.
Und es war die Gewissheit der Gründer von Pro Musica Hebraica, dass “…jiddische Dichtung, die von der Bühne des Kennedy Centers rezitiert wurde, ein extrem einzigartiges und lohnendes Ereignis sein würde, die diesen speziellen Abend hat Wirklichkeit werden lassen.

Kissins erste öffentliche Rezitationen jiddischer Dichtung gehen auf das Jahr 2002 zurück, als Martin Engstroem vom Verbier Festival Kissin ersuchte, das Rezitieren von Dichtung in sein musikalisches Angebot einzubauen.  “Ich akzeptierte das unter der Bedingung, dass auch andere Musiker das tun. Zubin Mehta, Kiri Te Kanawa und Itamar Golan stimmten der Teilnahme an diesem Projekt zu. Unglücklicherweise wurde unmittelbar vor Beginn des Festivals Zubins Vater sehr krank und starb bald darauf, so dass es Mehta es unmöglich war, das Projekt weiterzuverfolgen. Und in der letzten Minute, nur wenige Tage vor ihrem Konzert, sagte Kiri Te Kanawa ab. Nur Itamar und ich blieben übrig. Ich war der erste, der ins Wasser sprang, “ erinnert sich Kissin. Aus seiner Liebe für jüdische Musik entsprang eine Aufnahme, die im Jahre 2010 veröffentlich wurde: ”On the Keys of Yiddish poetry”.
 
Wenn es also bei der Reihe hinsichtlich ihres Ziel darum geht, zu fragen, worin das Wesen jüdischer Musik besteht, und dann die Einzigartigkeit dieses Erbes über die Grenzen einfacher Etikettierung hinaus zu vermitteln, dann haben Kissins Darbietungen großartiger Werke jüdischer Musik und das Hinzufügen der vertraulichen Empfindung für die Welt jiddischer Dichtung dazu beigetragen, diesen Auftag weiter voranzubringen.
Foto:Margot Schulman

Wednesday, January 22, 2014

Yefim Bronfman und Freunde treten mit dem Publikum bei ‘SubCulture’ in ‘Contact!’

’CONTACT!’
bei ’SubCulture’ –Bildnachweis: Chris Lee

Etwas Elektrisierendes lag am 13. Januar im leicht überhitzten Kellerraum bei SubCulture in der Luft. Das Publikum war mit Presseleuten, Konzertorganisatoren und Künstlern vollgepackt, einschließlich dem Maestro des ‘New York Philharmonic’ Alan Gilbert und der künstlerischen Leiterin des ‘92nd Street Y’ Hanna Arie-Gaifman, den Koproduzenten der zeitgenössischen Musikkonzertreihe CONTACT! bei ‘SubCulture’. Erst vor ein paar Monaten eröffnet, brummte der Veranstaltungsort, der Steve und Marc Kaplan zusammen gehört, fühlbar vor Erregung.
Und das war mit Recht so. Mit der Teilnahme des brillianten Pianisten Pianisten Yefim Bronfman, dem Mary und James G.Wallach Gastkünstler Programm des ‘Philharmonic’ und Mitgliedern des ‘New York Philharmonic Orchestra’ war das bemerkenswerte Interesse am Abendprogramm und das einwandfreie musikalische Können so gut wie garantiert.
Das abendliche Konzert wurde von Marc Neikrug moderiert, dem Komponisten des zuerst dargebotenen Werkes mit dem Titel Passions, Reflected for Solo Piano, das 2008 geschrieben worden war. Passions, am Piano von Yefim Bronfman mit seiner vollen Begeisterung und seiner hochgradigen Kunstfertigkeit, für die er geschätzt wird, dargeboten, erfuhr bei diesem Ereignis seine (etwas verspätete) Weltpremiere. Er schaffte es, die enorm unterschiedlichen Charakteristika einer jeden der zwölf kleinen, abstrakten Episoden, die sein Werk ausmachen, zum Vorschein zu bringen und gleichzeitig dennoch genug Ausgewogenheit zu geben, um es als Ganzes, als etwas, das größer als seine Bestandteile ist, bestehen zu lassen. Der Zusammenhalt der Teilbereiche des Werkes wurde vom Komponisten als eines der wichtigen Aspekte des Stückes hervorgehoben, das von ähnlichen Kompositionszyklen inspiriert wurde, wie sie in den Werken Schumanns Kreisleriana mit Segmenten gefunden werden und die laut Neikrug– anders als zum Beispiel Chopins Etüden oder Debussys Präludien, die für sich allein stehen könnten – nicht bei der Darbietung voneinander getrennt werden können. Mr. Neikrug, der über viele Jahre als Partner mit dem Violinisten Pinchas Zuckerman zusammen arbeitete, hat Passions, Reflected for Solo Piano eigens für Mr. Bronfman komponiert.
Als ein Künstler von höchster Integrität hatte Mr. Bronfman jüngst in einem Interview Zinta Lundborg erklärt:"..Ich möchte mich, auf jeglich mögliche Art und Weise in das den Denken des Komponisten hinein versetzen. Ich schätze keine Exzentrizität… das ist uninteressant,” ein Bestreben, das er ganz klar während seines Konzertes meisterte.                                                        
                       
Yefim Bronfman Bildnachweis: Chris Lee 

Nach einem bombastischen Finale von den sich steigernden Passagen des Stückes, die jeden aus der Fassung bringen, was Bronfman wie auch das Publikum ein bisschen atemlos hinterließ, lockerte der Künstler ganz spontan die etwas gedämpfte Atmosphäre im Publikum mit einer humorvollen Bemerkung bezüglich der Tatsache auf, dass bedauerlicherweise die Bar des Veranstaltungsortes während des Konzertes geschlossen sei. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ein Hauch von Unentschiedenheit den Schritt umgeben, hochkalibrige künstlerische Darbietungen in modische und intime Veranstaltungsorte wie ‘Subculture’ zu bringen, aber es scheint, als sei diese ambivalente Haltung in letzter Zeit der verlockenden Aussicht gewichen, an diesen Veranstaltungsorten alternatives gemeinschaftliches Erleben neu zu entwerfen.  Es schadet sicherlich nicht, dass das Publikum außerhalb der traditionellen Konzerthalle von den neuen künstlerischen Erlebnissen angezogen scheint: Ein Faktor, der sich vermarkten lässt, was recht bedeutend für kleinere Produktionen bleibt und dem nun Institutionen wie die ‘New York Phil’ und der ‘92nd Street Y’ Beachtung schenken trotz der ziemlich großen Einschränkung im Kartenverkauf im Vergleich zu ihren Heimveranstaltungsorten, ihrer Konzert Hallen.
Durch die Beteiligung beider Institutionen an dieser Konzertdarbietung dieser Saison von ‘Contakt!’ bei der ‘Subculture’ Reihe, war die 120 Personen fassende Räumlichkeit für diese Veranstaltung ausverkauft.  Das Aufbringen von finanziellen Mitteln wurde durch die großzügige Zuwendung der privaten Stifter Linda und Stewart Nelson unterstützt.
Mit Yefim Bronfman, hat die Produktion einen bedeutenden Impuls bekommen, indem er nicht nur die Persönlichkeit und die Gabe besitzt, über den Tellerrand zu schauen, wie er im Jahre 2007 im ‘Grand Central Terminal’ mit seinem pianistischen Werbegag, um New Yorks „Foodbank“ zu unterstützen, bewies. Jetzt bereits seit einigen Jahren hat Yefim Bronfman, der für seine großen Konzertbühnenauftritte mit einem Schwerpunkt auf geschätzte romantische und Meisterwerke der Klassik bekannt ist, zunehmend seine Aufmerksamkeit zeitgenössischen Werken gewidmet und wurde dafür, während des Abends, ausgiebig von Neikrug gepriesen.
Poul Ruders’ Streichquartett Nr. 4 ist zuvor im Jahre 2013 bei einer Privatveranstaltung in der ‘Morgan Library’ vorgestellt worden, aber hier zum ersten Mal öffentlich in New York. Das Werk stellt die erste Komposition für Streichquartett innerhalb des umfangreichen Oevresdes Komponisten dar. Es wurde beeindruckend gut von den ‘Philharmonic’ Violinisten Fiona Simon und Sharon Yamada, dem Bratschisten Robert Reinhardt und der Cellistin Eileen Moon dargeboten. Der Komponist selbst hat im Programmheft darauf hingewiesen: “Es ist in den fünf Sätzen und es geht über nichts anderes als es selbst.” Es war eines der Werke, die im Jahre 2013 von der ‘Royal Philharmonic Society’ und der ‘Britten-Pears’ Stiftung zu Ehren von Benjamin Brittens Hundertjahrfeier zusammen in Auftrag gegeben wurden.
Bei seinem zweiten Auftritt an diesem Abend wechselte sich Yefim Bronfman mit zwei weiteren Mitgliedern des ‘New York Philharmonic’, dem Violinisten Qaun Ge und der Cellistin Maria Kitsopoulus in sprühender Interaktion ab. Die drei trugen dasTrio Nr.1 für Violine, Cello und Piano des französischen Komponisten Marc-André Dalbavie vor, was vielleicht das Publikum nicht mit dem erinnerungswürdigsten Werk des Abend hinterließ, aber mit einem erfrischend optimistischen und positiven Ausklang. Dieses Werk, das von Yefim Bronfman im Jahre 2008 in der ‘Carnegie Hall uraufgeführt wurde, baut auf einer faszinierenden Einfachkeit musikalischer Motive auf, durchzogen vonTonleiter Schemata , die im Verlauf des einsätzigen Werkes ziemlich in Schwung kommen. Dieses ist die zweite Aufführugn eines Werkes von Dalbavie mit der ‘Philharmonic’ dessen Melodia für ‘CONTACT!’s Eröffnungsprogramm im Jahre 2009 in Auftrag gegeben wurde.
Foto:von links Marc Kaplan, Yefim Bronfman, Hanna Gaifman-Arie, Marc Neikrug, Steve Kaplan. Bildnachweis: getClassical
Nicht überraschend versammelten sich Mitglieder des Publikums nach der Show an der Bar, um persönlich und Schulter an Schulter den Künstlern zu gratulieren, die sich glücklich schätzten, ohne die gewöhnlich notwendigen Listen für den Grünen Raum zu interagieren.

Thursday, December 26, 2013

Huang Ruos Oper ‘Dr. Sun Yat-Sen’ – ein zeitgenössisches Meisterstück gibt asiatischer Fusion neue Wertschätzung

Foto: Huang Ruo bei der ‘Asia Society’ (GetClassical)

Als Vorschau auf die bevorstehende amerikanische Premiere präsentierten am 2. Dezember der Komponist Huang Ruo und sein kreatives Team von der ‘Santa Fe Opera’ Ausschnitte der auffallend lyrischen, modernistischen Oper, die sowohl in Mandarin – Chinesisch als auch im kantonesischen Dialekt gesungen wird, bei der “Asia Society.’
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion, die von dem Journalisten Ken Smith moderiert wurde und den Komponisten Huang Ruo vorstellte, diskutierten Bühnenregisseur James Robinson, Kostümbildner James Schuette, Choreograph Sean Curran und die Dirigentin Carolyn Kuan die der Produktion innewohnenden Herausforderungen; kreative Lösungen zu diesen wurden von den unterschiedlichen Perspektiven all der beteiligten Künstler beleuchtet.
“Die Oper entwirft ein Bild von der historischen Figur Dr. Sun Yat-Sen, dem Gründungsvater des modernen China …” erklärt Ken Smith.
Der Inhalt der Oper basiert größtenteils auf wirklichem historischem Material, wie Sun Yat-Sens politische Reden, Briefen und Fotografien. Dennoch dient seine Stellung als politischer Revolutionär nur als farbenfrohe Kulisse für das seinen Ausgang nehmende persönliche Drama, das in drei Akten, die jeweils unterschiedliche Schauplätze darstellen, auf die Bühne gebracht wird: “Es handelt sich um eine recht persönliche Lebensgeschichte, die ich zeigen wollte und die recht unbekannt ist,“ sagt Ruo, “seine leidenschaftlich und revolutionäre Persönlichkeit.”
Und es ist die sehr ergreifende, künstlerische Ausdruckskraft in solch feinfühligen Arien wie Lu Muzhens (Sun Yat-Sens verlassene erste Frau) Klagelied, die die Erkenntnis einer menschlichen Binsenweisheit, persönlichen Glauben, Trauer und Erfüllung darstellen, die Sun Yat-Sens persönliche Geschichte charakterisieren. “Diese abgebundenen Füße können nicht mit der Zeit mithalten,” singt Lu Muzhen und bringt damit die grundlegende Wahrheit des Einflusses historischen Wandels mit ihrer eigenen Geschichte einer persönlichen Transformation in einen direkten Zusammenhang, die mit Sensibilität durch die Helden und die Opfer der Saga verallgemeinert werden. Foto: Zhou Yi, Pipa und Guqin (GetClassical)

In traditioneller chinesischer Oper – und es gibt eine Vielzahl verschiedener Opernstile – werden die Charaktere explizit durch ihr äußeres Erscheinungsbild symbolisiert; Ruo erklärt, wie man anhand einer unmissverständlichen Illustrierung nicht unbedingt die Geschichte kennen muss, um die Persönlichkeiten der auf der Bühne Anwesenden zu erkennen. Mit Wagners ‘Leitmotiven’ vergleichbar stellt Ruo die musikalische Einleitung mit dem Erscheinen einer jeden Figur in Zusammenhang, indem er bestimmte musikalischen Phrasen nutzt, um eine ästhetische Verbindung zwischen dem musikalischen Thema und der dramatischen Darstellung der Charaktere zu erzielen. “Man hört die Figur bevor man ihn oder sie auf der Bühne sieht,” stellt er abschießend fest.
Die Produktion der Oper  eröffnet einige interssante Gesichtspunkte: Nachdem diese von der ‘Opera Hong Kong’ im Jahre 2011 in Auftrag gegeben worden war, hatte sie das ‘Hong Kong Culture Centre Theatre’ mit dem ‘Hong Kong Chinese Orchestra’ im Oktober 2011 uraufgeführt und schuf damit die allererste Oper im westlichen Stil, die von einem vollständigem Orchester mit chinesischen traditionellen Instrumenten begleitet wird. Es gibt zwei Versionen der Partitur, die geistreich von Ruo unterschieden werden: “Dies sind nicht zwei grundverschiedene Partituren, es handelt sich vielmehr um unterschiedliche Instrumentalversionen des Gleichen. Eine für ausschließlich chinesische Instrumentierung, die andere ist zusätzlich zu den traditionellen chinesischen Instrumenten an eine Westliche angepasst. Ich würde dies als eine spiegelbildliche Transkription beschreiben: Man hält den Spiegel hoch und das eigene Bild im Spiegelbild erkennen.” Foto: Huang Ruo (GetClassical)

Zusätzlich wurde der Text der Partitur verändert und Teile der gesprochenen Zeilen wurden zugunsten einer erfolgreichen Darstellung von Ruos Dimensionalität, der von ihm angewandten Kompositionsmethode, gestrichen. Die Produktion hatte mit Sicherheit auch die Geduld eines westlichen Publikums im Auge, das die kantonesischen Dialekte nicht beherrschte. Ruo beschreibt diese Art Musik zu kreieren und wahrzunehmen als eine Weise, vielschichtige musikalische und textliche Bedeutungsebenen zuzulassen: “Ich habe nicht absichtlich versucht, eine stilistische Fusion zu schaffen. Ich habe mir einfach das Libretto angeschaut und nachgedacht, wie es klingen sollte und wie jede Zeile zu interpretieren sei. Zurückschauend kann ich feststellen, dass ich es weder als Darstellung einen strikt westlichen Opern- noch als einen chinesischen Volksmusikstil betrachte. Obwohl ich es für westliche Stimmvarianten schrieb, wird es durch das Singen chinesischer Wörter zu einer einzigartigen Kombination.“
Der erste Akt der westlichen Version der Oper hatte im Jahre 2011 bei der ‘New York City Opera’ seine Vorpremiere.
Im Januar 2012 dirigierte Ruo ein von ihm gegründetes Ensemble mit dem Namen FIRE bei der Konzertversion von Ausschnitten im ‘Le Poisson Rouge’, gefolgt von einer Vorstellung bei der ‘Asia Society” im Mai 2012.
Um was für ein außergewöhnliches Unterfangen es sich bei Ruos Meisterstück sowohl in den USA als auch in China bei Santa Fes geplanter vollständiger Produktion von Dr. Sun Yat-Sen handelt, machte das Erhaschen eines kurzen Blickes in diesem Dezember klar. Das Konzert in Hongkong kennzeichnete die erste Aufführung einer zeitgenössischen Oper mit einem vollständigen Orchester bestehend aus traditionellen chinesischen Instrumenten. “Es motivierte mich diese Oper zu schreiben, um so etwas dem kleinen Repertoire an zeitgenössischer Oper, das in Chinesisch geschrieben ist, hinzuzufügen. Schließlich handelt sich bei Chinesisch um eine sehr rhythmische und musikalische Sprache. Obwohl China einen lange, reiche Geschichte traditioneller Opern hat, ist diese Tradition mit dem Schwinden eines Publikums und dem Mangel an einem neuen Repertoire in Gefahr geraten,” sagt Ruo, und drückt damit eine Besorgnis aus, die sicherlich international eine Entsprechung hat.
Dr. Sun Yat-Sen wird in der vollen Länge an der ‘Santa Fe Opera’ am 26. Juli 2014 aufgeführt werden.
Ilona Oltuski

Ausscnitte aus 'Dr.SunYat-Sen' 

Thursday, December 5, 2013

Yuja: “Ich mach’ mein eigenes Ding”


Es gibt viele großartige Auftrittskünstler, die ihr Publikum auf eine persönliche Reise in die Tiefen der Welt eines Komponisten mitnehmen, und dann ist da Yuja Wang, die diese musikalische Welt mit ihrer ganz eigenen Lebendigkeit erlebbar macht. Ihr letzter Auftritt in der Carnegie Hall im Oktober 2013 war ein perfektes Beispiel dafür – ein genialer Wurf und ein Bravourstück virtuosen Repertoires, das die junge Pianistin mit großartiger Beherrschung meisterte. Darüber hinaus war es die von ihr ausgehende innere Vitalität, die das Publikum in ihren Bann zog und Yujas eigene Wahrheit durch die Musik vermittelte.
            Zum Interview mit dem 26-jährigen Superstar trafen wir uns bei ‘Indies’, einer kleinen Lounge, wo wir beide Stammkunden sind und die nicht weit entfernt von ihrer New Yorker Wohnung in der Nähe des Lincoln Centers ist.
            “Ich reagiere sehr auf das Publikum und lebe von der Energie, die ich im Saal empfinde”, meint Yuja. “Ich bin schon immer aufgetreten, von früh an, und ich lerne mein Repertoire durch meine Auftritte, durch das Spielen kennen – und das hat sich nicht wirklich verändert. Ich muss auftreten, um mich lebendig zu fühlen. Jedesmal ist es anders, es ist ganz organisch. Wenn ich mit anderen Künstlern auftrete, kommen verschiedene Seiten von mir zum Vorschein. So kann ich jeweils eine andere Person sein.”
           Ihre Bühnen-Outfits mögen dies ab und zu reflektieren, und so gibt es denn auch immer wieder kritische Kommentare zu Yujas äusserem Erscheinigungsbild, wie zum Beispiel anlässlich ihres sexy 'Hollywood Bowl' Auftritts. Yujas Antwort darauf? “Ich bin wie ein Chamäleon; ich reagiere auf meine Umgebung und passe mich dementsprechend an.” Und: “Diese Kritik sagt viel mehr über die Kritiker als über meine Kleiderwahl aus.”
            Ihre Freimütigkeit mag etwas mit der Tatsache zu tun haben, dass sie nicht wirklich über den Kritiken brütet: “Ich lese sie nie – was vorbei ist, ist vorbei”, sagt sie mit sonnigem Lächeln. Sie zeigt auch eine erstaunliche Gleichgültigkeit gegenüber der Masse an Publicity, die sie umgibt. Von dem ganzen Zirkus unberührt vermittelt ihre selbstbewusste Persönlichkeit eine leidenschaftliche Unabhängigkeit und fast exzentrische Glaubwürdigkeit, die es ihr erlaubt, ihr verletzliches Selbst zu verstecken und zu schützen. “Ich mag nicht wirklich zu viel über mich selbst in einem Interview preisgeben,” sagt sie, “und irgendwie werde ich sowieso nie ganz korrekt zitiert.”
            Für Yuja liegt die Wahrheitsfindung in der Musik: “Ich spiele am besten, wenn ich aufrichtig bin”, erklärt sie. “Genau dann gelingt es mir, mein Publikum zu bewegen. Aber die Wahrnehmung kann sich leicht verändern: als ich zum Beispiel mit dem Aufnehmen begann, war das, was ich zu spielen glaubte, anders als das, was ich dann in der Aufnahme hörte. Manchmal hatte es gar nichts mit dem zu tun, was ich fühlte – es ist so eine Art Schmetterlingseffekt.”
            Yuja beschreibt den Prozess, die von ihr angestrebte Aufrichtigkeit in ihrem Spielen zu finden: “Ich spiele, und wenn ich es dann höre, hasse ich es. Ich denke mir, dass ich so viel besser spielen könnte. Dann probiere ich es dreimal, viermal, fünfmal und höre erneut zu, und vergleiche es dann ... nur um herauszufinden, dass das erste Mal das Beste war.”
            Ein anderer Stein des Anstoßes für Kritiker ist, was sie als ‘reißerischen‘ Stil ihrer Interpretationen bezeichnen - eine Kritik die Yuja so beantwortet: “Ich habe gelernt, Beethoven zu spielen, und ich habe Bach gelernt, aber nie war ich so hingerissen wie bei Rachmaninoff.” Trotzdem wird Yuja im Februar 2014 Beethovens Konzert Nr. 3 zusammen mit dem ‘London Symphony Orchestra’ während ihrer Residenz bei dessen ‘Artist Portrait Series’ spielen.
            “Virtuose Partituren haben nicht unbedingt etwas mit einem reißerischem Stil zu tun”, erklärt sie. “Meine Veranstalter planen all diese romantischen und post-romantischen Werke zwei Jahre im voraus, und ich möchte mein Bestes auf die Bühne bringen. Wenn mich aber ein Stück reizt … je mehr es mich persönlich anspricht, umso besser kann ich es spielen und mein Publikum fesseln. Das bedeutet nicht, dass ich nicht manchmal bei soviel Feuer ermüde, das ist sicherlich so. Und man kann immer noch soviel lernen.”
            Im Sommer 2014 wird Yuja wieder mit dem Violinisten Leonidas Kavakos zusammenarbeiten; dieses Mal stehen Sonaten von Brahms für Violine und Piano auf dem Programm. Durch Kavakos lernte sie auch den legendären, ungarischen Pädagogen Ferenc Rados kenne; für Yuja ist Rados, der schon als Lehrer für Andràs Schiff bekannt wurde, ein Genie. “Auf der Grundlage seines inhärenten Veständnisses von harmonischen Zusammenhängen gewährt er einen völlig anderen musikalischen Einblick in ein Stück und wie es zu strukturieren ist,“ schwärmt sie bewundernd.
            Bei jährlich über 80 Konzerten und Aufnahmeterminen auf der ganzen Welt bleibt Yuja eher wenig Gelegenheit, Zeit an einem Ort zu verbringen. “Irgend jemand fragte mich kürzlich: ‘Wo fühlen Sie sich zuhause?’ Und ich antwortete: ‘Mein Wohnzimmer ist in New York, mein Studio ist in Paris, und in Deutschland nehme ich auf,’ aber letztendlich geht es nicht so sehr um Orte, sondern um die Menschen.”
            Sie genießt es, Weltbürgerin zu sein, und es gibt viele Abenteuer jenseits des Klaviers, die sie gerne erleben würde, wie zum Beispiel nach Indien zu reisen und dort eine Weile ohne Internet zu leben. Gleichzeitig weiß sie, dass es jede Menge Mut erfordern würde, sich von ihrem rigorosen Auftrittskalendar frei zu machen. “Trennungsangst” nennt sie es. Und das ist ziemlich genau das, was die 14-jährige Yuja empfunden haben mag, als sie vor 12 Jahren ihre Familie in Peking verließ.
            Damals hatte Yujas Lehrer am Zentral-Musikkonservatorium in Peking eine Fortsetzung ihres Studiums am ‘Curtis Institute of Music’ in Philadelphia empfohlen, in der Hoffnung, sie würde mit dem bedeutenden Pädagogen Claude Frank studieren können. Als Yuja schließlich bei Curtis zu einem Probespielen ankam, war es Gary Graffman, der sie unter seine Fittiche nahm.    
            “Er liebt die chinesische Kultur und er ist ein großer Sammler chinesischer Kunst”, sagt sie über Graffman, der auch den Superstar-Pianisten Lang Lang betreute. “Er lehrte mich vieles über chinesische Geschichte und Kultur. Obwohl er einer anderen Generation angehört, haben wir eine wunderbare Beziehung.” Und zu seinem Lehrstil sagt sie folgendes: “Künstlerisch gab er mir sehr viel Freiheit und mochte es sehr, wenn ich etwas Unerwartetes in der Musik fand. Sein Gesicht leuchtete dann auf und ich liebte diese Reaktion. Ich ‘arbeitete’ daran und fühlte mich inspiriert, ihn erneut zu überraschen.” Graffman, zu dessen 85. Geburtstagsehrung sie im März 2014 am Curtis Institut auftreten wird, ging 2008 als Präsident von Curtis in den Ruhestand. “Ohne ihn wäre meine Karriere gar nichts,” sagt sie. “Er inspirierte mich zutiefst, und stellte durch seine pianistische Traditionsverbundenheit eine direkte Verbindung zur gesamten europäischen Klassik für mich her  … Als ich jung war, träumte ich davon, in Europa zu studieren … bei Curtis spielte ich dann für Künstler, die mich indirekt mit diesen grossartigen Traditionen in Kontakt brachten. Schließlich habe ich auch für Claude Frank, Pamela Frank und Leon Fleisher und viele andere gespielt.”

            Yuja schätzt es, dass Curtis Wert darauf legt, Freundschaften statt Wettbewerb unter den Studenten zu fördern. “Curtis bietet eine erstaunliche Umgebung; es ist eine kleine Schule, super-freundlich und einladend. Und alles dreht sich darum, Musik zu entdecken und neugierig zu machen. Sie behandeln jeden als sei er die grosse Ausnahme. Curtis hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.”
            Und wie ist es, nicht mehr Teil einer Gruppe von Studenten zu sein? Yuja lächelt und sagt in Gedanken verloren: “Ich bin oft einsam, aber daran bin ich gewöhnt. Selbst als Kind habe ich selten mit anderen Kindern gespielt. Ich war nicht sehr sozial, war aber auch nicht unglücklich darüber. Ich übte und machte mein eigenes Ding.”
            Und genau das macht sie immer noch, und nach wie vor sehr erfolgreich.





Yuja Wangs fünfte Aufnahme mit der Deutschen Grammophon: Piano Concertos, Rachmaninov #3 und Prokofjews Konzert Nr. 2, Op. 16 mit dem Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela unter Gustavo Dudamel ist ab Januar 2014 im Handel erhältlich.