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Monday, April 21, 2014

Ursula Oppens – an die nächste Note denken


Betritt man die einfach möblierte und aber komfortable Wohnung an der ‘Upper West Side,’ von der man einen Blick auf die edle Patina der historischen Kuppel, die zu dem Gebäude auf dem Columbia Campus gehört, wird man sofort von der lebendigen Aura erfasst, die diese hervorragende Musikerin umgibt.
Die symphatische Pianistin spricht mit sanfter Stimme und denoch sehr lebendig in einer willkommenheißenden Weise; ihre Reputation ist mit einem erstaunlicherweise gewaltigen Aufgebot ausgezeichneter zeitgenössischer Komponisten verbunden, von denen einige bedeutende Werke Oppens gewidmet wurden. Wie nicht anders zu erwarten, ist Oppens zu einer der prägnantesten Förderer ihrer Werke geworden.
Bildnachweis: Ilona Oltuski – GetClassical
Oppens wurde jüngst aus Anlass ihres siebzigjährigen Geburtstages von ihren über lange Zeit treugebliebenen Fans mit einem Konzert im ‘Symphony Space’ gefeiert. Die Show war ein Projekt, das aus der Zusammenarbeit mehrerer ihrer Studenten entstanden war: Winston Choi, Ran Dank, Soyean Kate Lee und Anthony Molinaro, die ihr Werk und ihr Vermächtnis ehren. Oppens pianistische Karriere war besonders von ihrer Zusammenarbeit mit dem legendären, amerikanischen Komponisten Elliot Carter beeinflusst worden, der für sie noch immer eine unglaubliche Quelle ihrer Inspiration ist.
“Eines Sommers kam ich nach Marlboro, nervös, jung und leicht zu beeindrucken. Ich hatte während meiner Zeit im College keinen formalen Musikunterricht gehabt, aber da war ich nun. Carter kam in diesem Sommer zu Besuch und sie entschlossen sich ganz spontan, in Marlboro ihm zu Ehren, etwas von seiner Musik zu spielen. Es gab wenig Zeit zur Vorbereitung und schließlich meldete ichmich als Freiwillige. Ich hatte zuvor diese Musik in Aspen gehört und ich hatte ihn auch über diese reden hören. Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal die Partitur durchlas und für das Konzert das erste Mal übte; ich hatte eine falsche Note gespielt und intuitiv deren Verkehrtheit gespürt. Es gab ein starkes Gefühl dafür, den Text und dessen Zusammenhang zu verstehen und so entdeckte ich eine sehr wichtige Beziehung,” erklärt Oppens.
Die Aufführung seiner Sonate für Flöte, Oboe, Cello und Cembalo, auf die sie sich vorbereitet hatte, war ein Erfolg. Als Oppens eine ähnliche Situation mit Carters Doppelkonzert bei Tanglewood erlebte, war es ihr klar, dass dies eine anhaltende Beziehung werden sollte: der Rest ist Geschichte,“ meint Oppens, als sie ihre Arbeit mit dem anspruchsvollen Komponisten beschreibt. Carters Meisterstück Night Fantasies war von Oppens mit in Auftrag gegeben und finanziert worden.  Foto Ursula Oppens mit Elliot Carter, A.Addey

“Er war immer überaus liebenswürdig, aber bestand immer fest auf alle ausdrucksvollen Hinweise der Phrasierung und dessen, was heraussticht,” erklärt sie.  “Ich fühlte mich immer in seiner Gegenwart ein bisschen sprachlos, indem ich seine enorme Beherrschung von Sprachen und seine Erinnerung, aber vor allem seine gesellige Persönlichkeit bewunderte: Für mich stellte er das Ideal eines gebildeten Schaffenden dar und ich mag es sehr, meinen Studenten seine Musik beizubringen und so sein Vermächtnis weiterzugeben.” Oppens Erfolg mit ihren Studenten am ‘CUNY Graduate Center’ und dem Musikkonservatorium am ‘Brooklyn College,’ wo sie eine Lehrposition als ‘Distinguished Professor of Music’ innehat, macht ihr persönlich viel Freude und bringt ihr die Genugtuung in der modernistischen Tradition weiterzumachen, wovon einiges aus ihren eigenen Händen erwuchs.
“Ich schätze mich sehr glücklich, dass es eine Anzahl von wundervollen Stücken gibt, die für mich geschrieben worden sind,” sagt sie, während sie mir eine alte Mitgliedsausweiskarte für die ‘International Society for Contemporary Music’ zeigt, die einst ihrem Vater Kurt Oppens gehörte. “Die Gesellschaft gibt es auch heute noch und ich glaubte, ein Teil meines Interesses an zeitgenössischer Musik stammt einfach von meinen Eltern.” Oppens Eltern waren beide Teil der musikalischen Welt “und große modernistische Enthusiasten,” sagt sie. Sie, die am Radcliff College ihren Abschluss gemacht hat, verbrachte selbst viel ihrer Zeit bei der Gesellschaft. Radcliff hatte zu dieser Zeit nicht seinen eigenen Musikdarbietungs- oder Kompositionsfachbereich und es war bei der Gesellschaft, wo sie Beziehungen zu anderen Musikern anbahnte, von denen sie einige noch immer als ihre engen Freunde betrachtet. Erst nachdem sie die Julliard School besucht hatte und unter der bekannten Pädagogin Rosina Lhevinne studiert hatte, strebte Oppens aktiv eine Laufbahn als Pianistin an, was eine partielle Teilnahme am Zyklus der Wettbewerbe beinhaltete; sie wurde die erste Preisträgerin beim Busoni Wettbewerb und im Jahre 1976 eine Empfängerin des ‘Avery Fisher Career Grant’.
 Foto: mit freundlicher Genehmigung von Hemsing Associates

Über viele Jahre hat Oppens für ihren Zugang und ihre Aufmerksamkeit für Musik, die  herausfordern ist  - von Komponisten wie Milton Babbitt, Pierre Boulez und Charles Wuorinen - eine Reputation gewonnen, die keine Parallelen hat. Sie hat für ihre Aufnahmen von sowohl romantischem als auch zeitgenössischem Repertoire Grammy Nominierungen erhalten. Das vielgepriesene Album ‘Winging It: Piano Music of John Corigliano,’ das 2011 bei Cedilla Records herausgegeben wurde, hat ihr die bis jetzt letzte Nominierung im Jahre 2012/13 für das ”beste klassische Instrumentalsolo” eingebracht.
 “Wenn man mit Musiker-Freunden zusammen ist, möchte man zusammen Musik machen,” und das ist, was sie an ihrer anhaltenden Beziehung mit dem hervorragenden Pianisten und Julliard Professoren Jerome Lowenthal schätzt: “wir spielen immer viel vierhändiges Repertoire zusammen und uns gehen nie die Themen aus.” Eines der Ergebnisse ihres intimen musikalischen Austausches ist auf ihrer jüngsten CD von Cellille Records eingefangen worden, das Visions d’Amen von Olivier Messiaen und Debussys ‘En blanc et noir’ gewidmet ist.
Zuvor war Oppens mit dem inzwischen verstorbenen Komponisten und Advantgarde-Saxophonisten Julius Hemphill verheiratet gewesen, den sie im Jahre 1983 bei einer Tournee des ‘New York State Council of the Arts’ kennengelernt hatte.
Im Leben eines Musikers lässt das Eingehen einer Freundschaft mit anderen Musikern oft einen Weg zu einer Karriere entstehen. Einige der ersten Komponisten, die sie bei der internationalen Gesellschaft traf und auf Werke ansprach, die sie spielen konnte, waren Peter Lieberson und Tobias Picker. Nicht viel später erlaubte Oppens ein Stipendium vom YCA, das junge Pianisten unterstützte, einen neuen Auftrag der ‘Washington Performance Art Society’ in Form eines Werkes, das für sie von Frederic Rzewski geschrieben wurde, der nun in Brüssel wohnt (nur ein Telefonanruf weit entfernt wie Oppens sagt): “Ich hatte nicht ein einstündiges Stück erwartet und hatte auch keine Idee, was die Reaktion des Publikum sein würde – denn gemäß dem, was ich wusste, hätte das Stück ausgebuht werden können,” aber ‘The People United Will Never Be Defeated‘ wurde zu einem der Meilenstein-Werke, für die sie in ihrer lang anhaltenden und immer noch aktiven Karriere berühmt werden sollte.
“Ich war immer dazu bereit, Risiken einzugehen und ich war auf Werke neugierig, die ich nicht zuvor gehört hatte,” meint Oppens, die viele ihrer prägenden Sommer hinter den Kulissen beim Aspen Musikfestival verbrachte. Dieses Credo bleibt zentral für das, was sie ist, nämlich ein freier Geist. Oppens genießt es, bei Gelegenheiten zu spielen, die ihre humanistische und demokratische Weltanschauung demonstrieren. Ein fesselndes Erlebnis war es für sie am 37. Jahrestag von Portugals Nelkenrevolution in Lissabon im April 2011 zu spielen, der an den Sturz des autoritären Estado Novo Regimes erinnerte. Sie spielte die portugiesische Hymne als Teil ihrer Darbietung von Rzewskis ‘The People United Will Never Defeat,’ während der emotional aufgeladenen Feier zur nationalen Befreiung.
Im Jahre 1971 war Oppens Mitbegründerin von ‘Musicae’, einer neuen Kammermusikgruppe mit einigen ihrer engsten Freunde und Gefährten, einschließlich des Cellisten Fred Sherry, des Perkussionisten Richard Fritz und des Oboenspielers Joel Marangella. “Rolf Schulte und Virgil Black waren auch Mitglieder,” sagt Oppens, es handelte sich um eine so aufregende Zeit. Wie heute wurden viele Gruppen von Studenten gebildet, die nicht den Stempel der Zustimmung von konservativen Institutionen bedurften. Es gab viel Unterstützung und neue Veranstaltungsorte für Auftritte machten auf.”
“Einer der Hauptaspekte unserer besonderen Gruppe war Elliot Carter. Er hielt uns zusammen und ist auch der Grund dafür, dass wir immer noch so eng zusammen arbeiten,” sagt sie. “Wir liebten seine Musik, seine Leidenschaft verband uns und seine Liebenswürdigkeit uns gegenüber erhielt unsere Freundschaften intakt, selbst nachdem wir lange unsere eigenen Wege gegangen waren.”
Die ‘New York Times’ lobte ihren jüngsten Auftritt beim Konzert zu Ehren Carters im Jahre 2013, das das “fiebernde Verlangen und die poetische Träumerei“ von Carter’s Night Fantasies einfing, die für sie mit unfehlbaren dramatischen Sinn und fast filmischer Farbe geschrieben worden waren.”
Während Carter einen sehr besonderen Platz in Oppens Herz und ihrer Auftrittskarriere einnimmt, hat sie sich seit 1975 wie wild für eine Reihe unterschiedlicher Komponisten eingesetzt. Das bunte Kollektivgemisch liest sich wie eine enzyklopädische Liste eines zeitgenössischen Idioms und beinhaltet Komponisten so unterschiedlicher Art wie John Adams, Julius Hemphill, Frederic Rzewski, Conlon Nancarrow, John Corigliano, John Harbison, William Bolcom, Anthony Braxton, Tania Léon, Tobias Picker und Charles Wuorinen.
Sie hat sich auch bei Darbietungen der Werke von europäischen, modernistischen Meistern wie Luciano Berio, Gyorgy Ligeti und Witold Lutoslawski hervorgetan. Aber wie sie bescheiden sagt: “Ich kann aber nur so und soviel neue Musik lernen, vor jedem Konzert, jeder Aufnahme, denke ich nur an die nächste Note.” Neben ihren Aufnahmen und Konzerten von vielen der Werke ihrer Zeitgenossen, mag sie ebenso traditionelles, klassisches Repertoire, welches sie auch täglich übt.
“Ich empfinde die Notwendigkeit sowohl tonale als auch atonale Musik zu spielen und zu üben. Man muss offen bleiben und die Notenschrift so lesen, als hätte man sie noch nie gehört, was auch sehr wichtig ist, wenn man ältere Musik darbietet. Aber es ist neue Musik, bei der mir die Übertragung der Notenschrift in den Klang ans Herz gewachsen ist.” Sie bietet Studenten folgenden Ratschlag: Man kann nicht das Hören eines Musikstückes, das man auf einer Aufnahme zugehört hat, vergessen machen und deshalb schlage ich vor, mehr als nur eine zu hören, um die Bandbreite von Interpretationsmöglichkeiten zu sehen. Es geht dabei sehr um das menschliche Moment, die Überraschung des Ergebnisses und die Vieldeutigkeit des Übergangs.”
Eines von Oppens interessanten Projekten, was vor einiger Zeit begann, ist die Zusammenarbeit mit dem Pianisten Bruce Brubaker in einer Zusammenstellung der Werke von Meredith Monk für Solo Piano oder Piano Duett mit dem Titel Piano Songs; die CD wird vom ECM Label im Mai 2014 herausgegeben werdenDas wird mit dem Kompositionsgastspiel von Meredith Monk an der ‘Carnegie Hall’ während der Saison 2014/15 zusammenfallen.
“Bruce und ich kennen uns von Julliard und er hat vieles von einigen der Werke derselben Komponisten gespielt, was ich auch gemacht hatte, aber wir sind nie zusammen aufgetreten, bis wir von Merediths Musik zusammengebracht wurden, als wir im Jahre 2005 in der ‘Zankel Hall’ bei einem Konzert zur Feier des Komponisten spielten. Viel Energie, die diese Aufnahme möglich machte, kam von Bruce; wir fügten weitere Stücke hinzu, bis wir eine komplette Aufnahme hatten. Wir gaben in Boston ein Konzert und nahmen dann in der exquisiten ‘Jorden Hall’ am ‘New England Conservatory, wo Bruce den Klavierfachbereich leitet,” erläutert sie.
Einige der Stücke begannen als Partituren für Gesang oder für Gesang und andere Instrumente und diese in eine andere Welt zu übertragen, gibt uns die wundervolle Gelegenheit, die Musik wieder von neuem zu hören,” sagt Brubaker im Begleitheft zur CD. “Die Stücke basieren auf Werken aus den Jahren 1971 bis 2006.”       Bildnachweis: Ilona Oltuski – GetClassical

”Meredith Monks Musik ist äußerst interessant,” fügt Oppens hinzu, “da sie von einfachen Teilen zu kommen scheint, aber sie wird sehr komplex – ich würde sie fast mit Mozart vergleichen wollen, indem man denkt, die Wiederholung seiner Sonaten sind fast genauso wie die Exposition, mit Ausnahme des entscheidenden Vorzeichens; aber dann stellt man all die subtilen Unterschiede fest; es hat ein perfektes Gleichgewicht, aber die Veränderungen halten an, indem es fortschreitet,” sagt sie. Brubaker kommentiert ebenfalls das “faszinierende Gleichgewicht” in Monks Klaviermusik, zwischen Einfachkeit und der Art von Musik, die man noch nie zuvor gehört hat.” Bezüglich des Komponierens für zwei Klaviere bemerkt der Komponist: “Ich vertiefte mich in verschiedene Beziehungen und die Möglichkeiten, die zwischen ihnen bestehen…In einigen Stücken, betonte ich die Individualität des Klaviers, indem ich für einen Spieler als der ‘Sänger’ schrieb [und] das andere als die Begleitung; in anderen Stücken wollte ich, dass die beiden Klaviere einen großen Sound hervorbringen.”
Im November 2014 werden Brubaker und Oppens beim LePoisson Rouge ein Programm spielen, das aus Monks ‘Piano Songs’ schöpfen.
“Während der letzten wenigen Jahre, habe ich mehr Aufnahmen gemacht als erwartet,” meint Oppens, “es mag mit meinem Alter zu tun haben: Man denkt, dass man Stücke rekapitulieren muss, die man über eine lange Zeit hinweg gelernt hat und es gibt gewiss etwas, was dafür spricht, dass man Dinge zusammenfassen möchte.”
Demnächst bevorstehende Projekte für die 2014/15 Saison werden eine Bernard Rands CD in diesem Herbst, eine William Bolcom Aufnahme für Naxos und ein Wieder-Aufnahmeprojekt von ‘The People Reunited’ komplett mit einer improvisierten Kadenz von Oppens beinhalten.

Sunday, December 23, 2012

Bruce Brubaker – Nico Muhlys gemeinschaftsstiftender Aspekt von Musik



In diesem Monat präsentierten der Pianist Bruce Brubaker und die Viola-Spielerin Nadia Sirota im Poisson Rouge Musik von Philip Glass und Nico Muhly. Beide Musiker sind äußerst vielseitig und talentiert, was das traditonelle klassische Genre ihrer Instrumente betrifft. Außerdem machen sich beide für einige der faszinierendsten Beispiele heutiger Musik stark: die Art von Musik, die auf der klassischen Idee von Komposition und Notensätzen beruht, aber hinsichtlich einer positive Wirkung weniger von der perfekten Planung abhängig ist. Beide Musiker kommunizieren großartig und in bester Ausführung. “Die Freiheit, die mit dieser Musik einhergeht,” staunt Brubaker, “wo der Prozess des Spielens ein solch integraler Bestandteil deren Formulierung ist, ist auch sehr inspirierend und unterstützt eine andere Art von Anerkennung. Sie ist nah am Puls der Zeit – eine Momentaufnahme, die sehr aussagekräftig, eine Art Ausdruck des Zeitgeistes ist.” Er führt fort: “Teil dessen, was Nico vielleicht eine noch nie da gewesene breite musikalische Reichweite gibt, verleiht ihm in der Musikwelt eine einzigartiges Ansehen.” Durch seine Reichweite und Vielseitigkeit, haben Muhlys Arrangements für die Pop Szene und Filmmusik seine Partituren von Pop Ikonen wie Björk und Grizzly Bear bis zur ‘Metropolitan Opera’, zur ‘Alice Tully Hall’ und darüber hinaus gebracht.
Brubaker hat soeben mit Nico ‘Drones’ in Island auf dem ‘Bedroom-Community’ Label aufgenommen: eine Auftragsarbeit vom “S. Gilmore International Keyboard Festival’ aus dem Jahre 2010. Das Album beinhaltet ‘Drones’ & Piano, ‘Drones’ & Viola und ‘Drones’ & Violine, dargeboten von Brubaker, Sirota und Pekka Kuusisto Seite an Seite mit Nico Muhly und gemischt von Valgeir Sigurðsson & Paul Evans, der ebenfalls der Produzent ist. Im Begleitinfo zu ‘Drones’, beschreibt Muhly “die Erstellung harmonischer Ideen zu einer statischen Struktur,” und weisst darauf hin, dass, “die Idee nicht viel anders ist, als beim Staubsaugen mitzusingen.”
Sirota, eine langjährige Mitarbeiterin und enge persönliche Freundin von Muhly meint: “’Drones’ erwuchs aus einer Reihe von Stücken für Viola und Elektronik und dadurch, dass ich immer wieder meine Telefonnummer herleierte, woraus die Etüde Nr. 2 entstand, das erste der ‘Drone’ Stücke. Viele ‘Drone’ Stücke wurden in vorab-aufgenommenem Sound zusammengefasst, der tiefgreifend strukturiert ist und (das ist jetzt Brubaker zufolge) sehr klar den großen Einfluss von Valgeir auf Nicos Werk aufzeigt. Es zerbarst an Struktur und wurde wirklich drei-dimensional.”
Foto: Copyright Stern Weber Studio / Bruce Brubaker und Nadia Sirota im lePoisson Rouge


Brubaker erläutert: “Nico machte den ursprünglichen elektronischen ‘Backtrack’, aber was man auf der Aufnahme hört, ist ganz anders. Es klang sogar zum Teil noch mehrschichtiger. Aber darin besteht der aufregende Prozess mit einem lebenden Komponisten wie Nico zusammen zu arbeiten – die Aufnahme ist nicht mehr die endgültige Fassung, aber ebensowenig der Auftritt. Musik wird im Moment viel lebendiger. Vielleicht vergleicht man es am besten mit den Zeiten von Komponisten wie Mozart, Bach, Monteverdi …, die ein Stück für ein Orchester schrieben, aber im Laufe der Zeit von verschiedenen Instrumenten gespielt wurden, so dass das Stück jedesmal ein anderes wurde.”
Im Geiste der Spontanität ist Nico der Typ von Musiker, der nicht exakte Anweisungen gibt. Dies könnte daher kommen, dass er seine Auftrittskünstler sehr gut kennt; Nico ist mit Brubaker seit seinen Jahren bei Julliard vertraut, als Brubaker, der gegenwärtig bei NEC unterrichtet, ebenfalls Fakultätsmitglied bei Julliard war und eines seiner Werke in Auftrag gab. Sirota ist ja sowieso eine langährige Freundin und begeisterte Promoterin von Nicos Werk. Es könnte jedoch ebenso die Folge eines fehlenden Perfektionismus sein, der das begeitet, was bei diesem kreativen Material herauskommt, das manchmal von Muhly selbst wie auch von seinen Kritikern als auffällig umfangreich betrachtet wird. Auf seinem Blog klagt Muhly: “Ich habe sehr viel an Musik geschrieben, viel davon besteht aus langen Stücken für große Ensembles. Es verschaffte mir eine Pause, denn ich hatte in den vielleicht letzten achtzehn Monaten nicht wirklich einen Moment mich umzuschauen, was passiert und diese Liste war eine Art vergrößerter, zehnfacher Ruck für mein System. Mein erstes Gefühl war eines totaler Erschöpfung, der nächstliegendste Vergleich, den ich ziehen kann, ist es, einfach eine lange Zeit zu laufen – die wirkliche Müdigkeit setzt ein bisschen später ein, mit Verspätung und wird manchmal von einem entstellten Zehnagel oder einem schmierigen Schweißflecken auf dem Unterarm ausgelöst. Die zweite Gedankenrunde, die sich auf dieses Dokument bezog, war alamierender: taugt irgendwas von dieser Musik?”

Foto: Copyright Stern Weber Studio - Bruce Brubaker und Nadia Sirota im lePoisson Rouge

Aber Brubaker ist eher einer unbeschwerteren, großzügigeren und weniger kritischen Haltung zuzuordnen: “Nico sagt immer selbst: man muss jeden Tag essen und nicht jede Mahlzeit wird die großartigste sein,” was Nicos Weigerung hinsichtlich des Spielens seines Werkes sowohl von Brubaker als auch Sirota erhellt, zu kritisch oder eigen zu werden.
“Er ist der ungewöhnlichste, großartige Mitarbeiter, der herausfindet, was an den Leuten um einen herum faszinierend ist und das kann ein großartiges gemeinschaftliches Ergebnis hervorbringen,“ meint Sirota. “Ich mag das wirklich sehr und das ist der Grund, warum ich es sehr gut kann. Und er weiß das und gibt mir einen Freibrief. Er erstellt nur Gesten, keine harte Partitur für mich, keine Angabe- es ist nur Kurzschrift und lässt viel Raum für Interpretation.”
Im Februar nahm Muhly mit Philip Glass an einem Komponisten Panel in der ‘Armory’ an New Yorks Park Avenue teil. Glass, für den Muhly über sechs Jahre hinweg arbeitete und den Muhly als einen großartigen Mentoren beschreibt, sagte etwas bemerkenswertes über den kreativen Prozess, den er und Muhly weiter durchlaufen: “Musik ist ein Raum.”

Foto: New York Times - Nico Muhly
Stellt Musik für Glass einen Raum dar, so ist es mein Eindruck, dass Muhly mit seinem einzigartigen Ansatz bezüglich von Komposition und Auftritt danach Ausschau hält, diesen Raum mit Gemeinsamkeit auszufüllen. Die Überlagerung des Komponierten mit dem Improvisierten schafft eine freistehende, unabhängige Struktur und die Bandbreite deren Möglichkeiten verleiht der Musik ihr Eigenleben.
Gemäß Brubaker: “…fügt sich alles zusammen und man gelangt dahin, verschiedene Perspektiven zu sehen.” In den ‘Drone’ Stücken hört man nicht eine einzige Improvisation, aber die Schichten an Fantasie schaffen eine eingestellte Aufnahme, die eine ‘live’ Perspektive verkörpert. Als ich Brubaker fragte, ob der Auftritt schwer ist, führt er an: ”Einiges ist eine Herausforderung, was die pianistischen Fähigkeiten betrifft, wie die wiederholten Akkorde und Arpeggio Figuren über längere Zeit, die es erforderlich machen, die Hände zu überkreuzen und längere Distanzen zu überspringen. Und dann tut er es mit einem Lachen ab und wirft er ein: “es ist wie Rock ‘n Roll.”
Einiges von Muhlys Musik scheint wirklich beim Spielen Spaß zu machen und es macht Spass anzuhören; bestimmte Strukturen und hohe Tonlagen in seinen Stücken erscheinen fast leichtfertig unbeschwert, aber beinhalten auch viele ernste Elemente. Brubaker ist überzeugt, dass Muhlys Musik “sorgfältig durchdachte Strukturen” vermittelt “und mit den darin gegebenen Querverweisen anerkennt, dass Musik uns allen gehört – es ist ein gemeinschaftliches Produkt.”
In seinem Buch Far From the Tree [Weit vom Baum] widmet Andrew Solomon Wunderkindern und ihrem Aufwachsen ein Kapitel und stellt heraus, dass ihre Kindheit bemerkenswert anders verläuft, als es die Norm ist. In diesem Kapitel wird Muhly als “Fabeldichter” zitiert, “für den die Wahrheit nicht in Glanze erstrahlt”, aber das selbstzerstörerische Verhalten, das in Muhlys Leben in Form “der Ausbildung einer Zwangneurose mit einem starken depressiven Unterton trat,” wie sowohl Solomon als auch Muhly selbst beschrieben, stand im Dienste seiner musikalischen Komposition. Darüberhinaus hatte er seine Kunst immer besonders im Kopf und das zog ihn oft sehr schnell in sehr unterschiedliche Richtungen. Er reichte “eine manischen Fuge” ein, als er sich für ein Doppelstudium an der ‘Julliard School’ und der ‘Columbia University’ einschrieb. Wie er darstellt: An einem Tag war es Messaiën und am Nächsten war es – als ob ich alles über Marimba in Erfahrung bringen wollte … Diese Musik machte mich so wahnsinnig und glücklich, als ob sie ein Betäubungsmittel wäre.” Muhlys Neugierde das zu entziffern, was sich hinter der Musik verbirgt – das Verstehen und das Wiedererschaffen musikalischer Bedeutung – stellt sowohl eine Herausforderung als auch eine Begabung dar. Er sagt über seine Auseinandersetzung mit seinem Talent: “Ich habe keine Ambition, ich habe nur eine Bessessenheit.”
Ich erwähnte gegenüber von Sirota, dass, nachdem ich Muhly bei der Premiere seiner Far Away Songs in der Alice Tully Hall persönlich kennen gelernt hatte, ich das Gefühl gehabt hätte, dass seine Musik seiner Persönlichkeit total entsprechen würde. Sie umarmte mich fast und sagte: Das genau ist es, wenn man das fühlt und das versteht, mag man es.”
Ilona Oltuski