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Wednesday, May 4, 2011

Pianisten Lucille Chung und Alessio Bax: Ihr Leben gemeinsam am Klavier











Ich genieße einen an Perfektion heranreichenden Cappuccino an der geschmackvollen, ordentlichen und brandneuen Adresse der Pianisten Lucille Chung und Alessio Bax in New Yorks ‘Upper-Upper Westside’.



Lucilles Organisationsfähigkeiten in die moderne, durchgestylte und dennoch komfortabel, schicke Atmosphäre zu übertragen, ist ein Echo auf Alessios italienisches, klassisches Design-Erbe, welches, zu meiner Freude, auch wenn es um die Küche geht, ebenso eine führende Stimme in der Handhabung des professionellen Prädikats-Milchaufschäumer für Cappucino ist.



Diese großzügige Räumlichkeit, die das junge attraktive Paar ihr Zuhause nennt, wenn es in New York ist, nimmt zwei Konzertflügel auf. Einer ist fürs Üben und Unterrichten in ihrem Arbeitszimmer, das zur Zeit ebenfalls als Gästezimmer dient; der andere im Wohnzimmer und für das gleichzeitige Üben bestimmt oder dafür, sich einander oder auch Gäste zu unterhalten, die typischerweise ebenfalls Musikliebhaber oder Musiker sind.



Klavierspielen ist für beide ein zentraler Bestandteil ihres Lebens. Daher können sie es auch genau so gut gleich zusammen machen und so die Zeit gemeinsam verbringen. Als zwei junge, jeder für sich allein genommen, erfolgreiche Musiker verbringen sie die restliche Zeit gemeinsam, indem sie versuchen, die Klavier Fakultät an der SMU in Dallas und ihren zunehmend vollen Auftritts- und Aufnahme-Terminkalendern unter einen Hut zu bringen. Obwohl sie als Solisten sehr gefragt sind, passiert es in letzter Zeit immer öfter, dass sie auch als Duo spielen. Nicht, dass sie das notwendigerweise so geplant hätten. Obwohl es immer eine großartige Idee zu sein schien [dass sie gemeinsam auftraten] und es gelegentlich passierte, war es erst in jüngster Zeit, dass die Zahl ihrer Duo-Auftritte zugenommen hat, so dass diese heute 20 Prozent der Zeit ausmachen, die zuvor für professionelle Soloauftritte in Anspruch genommen wurde. Und die Wahrheit ist, sie genießen es, diese wertvolle, intensiv erlebte Zeit am Klavier zusammen zu verbringen.



Als Klavier Duo zu spielen, schafft endlose Möglichkeiten aufzutreten, sich auf eine Bandbreite gut einstudierter Programme vorzubereiten und bietet ihnen schließlich eine Vielseitigkeit, indem es die Musik auf den Weg zu den unterschiedlichen Veranstaltungsorten bringt, wohin sie gern gemeinsam reisen. Wieviel romantischer könnte es noch werden?

“Es bedarf einer Menge an Koordination,” meint Lucille, die verantwortlich für alle organisatorischen Details des Teams ist. Alessio lächelt glücklich, während er zugibt, für diesen Bereich kein Interesse zu haben and bestätigt: “Wir haben uns entschieden, dieses Jahr mehr Zeit für gemeinschaftliche Auftritte auszusparen. Wir haben immer sporadisch zusammen gespielt, aber nie haben wir uns früher bemüht, das im Voraus zu planen.”



Lucille beschreibt die Psychologie des Zusammenspielens: “Es muss nur zur richtigen Zeit sein, dann sagen wir gerne ja, denn wir sind ein großartiges Team. Es gibt ein totales, gegenseitiges Vertrauen und… wir denken so ähnlich, dass wir uns nicht einmal unterhalten müssen, während wir proben. Nach einer Unterbrechung wissen wir einfach, wo man wieder einsetzt und wie man seine Vorstellungen kommuniziert. Wir denken als eine Einheit und das ist vorteilhaft, wenn es darum geht, innerhalb des Repertoires die eigene Sicherheit zu verbessern. Wir können während eines Konzertes Risiken eingehen und sind uns dann immer noch der Absicherung bewusst, des gleichzeitigen vollständigen Beistandes.”



Alessio, der auch in seinem zweiten Jahr als Gastkünstler mit der angesehenen ‘Chamber Music Society of Lincoln Center’ auftritt und sich der verschiedenen Farben und Texturen erfreut, die von den verschiedenen Instrumenten innerhalb von Kammermusik geboten werden, liegt ebenfalls viel an der Situation mit zwei Klavieren: “Auf eine Weise ist es die ideale Situation zwischen Kammermusik und Solo-Auftritten. Es wirkt eher wie eine Klavieraufführung, insofern es eine größere Freiheit und Flexibilität gibt, aber dennoch gibt es eine starke Partnerschaft und einen befriedigenden musikalischen Dialog. Das Repertoire ist wunderbar und wir können leicht die Proben koordinieren.”



Und dann gibt es natürlich all die sozialen Aspekte des Zusammenreisens, die das Paar auf jeden Fall genießt. Sie mögen es immer, den anderen auf dem Weg zu Auftritten zu begleiten, nun als Duo weitet sich das bis auf die Bühne aus. Lucille erläutert: “Dieses Jahr hatten wir bereits dreißig extra Duo-Konzerte und wir sind gerade von einer ganzen Chicago Tournee wiedergekommen, die aus vier unterschiedlichen Programmen bestand, einschließlich einer aufregenden zweistündigen “Perspective”; die mit Solo wie auch Duo- Auftritten und beiden ihren neuen Aufnahmen als Livestrom von WFMT.com ausgestrahlt wurde. Dieser ausgestrahlten Darbietung folgte ein Programm in Madison, Wisconsin, Brahms Waltzes Op. 39 wie auch ihre eigenen Arrangements von Piazzolla Tangos umfasste. Brahms wird auch diesen Sommer beim angesehenen Music@Menlos Festival gespielt werden.



Alessios CD wird gerade beim Signum Classics Label unter dem Titel Rachmaninov Preludes and Melodies herausgebracht und wird - ich bin mir da sicher - ein weiteres atemberaubendes Beispiel von Alessios Virtuosotechnik sein, die sich mit einem kultivierten musikalischen Verstehen verbindet und die expressivsten Nuancen in der Musik hervorbringt. Alessio erweist Rachmaninov die Ehre, einem Künstler, den er als den “letzten der Romantiker” bezeichnet. Und wenn man Alessio kennt, kann man eine grundlegende Verwandtschaft spüren. Egal, um wessen Musik es sich handelt, er widmet sich immer ihrer ernsthaften Erkundung und, während des Auftritts, klingt es so … unglaublich richtig – im besten Sinne von richtig, nämlich in der Musik Schönheit und Wahrheit zu finden. Zu Alessio als Solokünstler, vergleiche man bitte meinen Artikel http://english.getclassical.org/2010/11/05/pianist-alessio-bax-new-york-debut-recital-at-the-metropolitan-museum/ und bezüglich einiger früherer Auftritte von Lucille und Alessio als Duo im ‘Poisson Rouge’ siehe meinen Artikel http://english.getclassical.org/2009/10/25/new-venues-open-their-doors-for-classical-music-in-new-york/



Lucilles CD hat den Titel: Mozart and Me. Im letzten Sommer am ‘Conservatoire de musique’ in Montreal aufgenommen und gerade von Disques XXI Universal herausgegeben, spricht diese einen für sie wichtigen musikalischen Ort an. Mozart war der Grund für Lucille Musikerin zu werden. Sie erklärt, “…Seine Musik war so voller Freude und dennoch so immanent zugänglich, so einfach und doch so tief. Ich fühlte mich sofort angezogen und war fortan danach süchtig. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich bei einer Gelegenheit, während ich mit einem zweiten Klavier das Concerto probte, eine Vorstellung hatte, in einer hell erleuchteten Halle mit einem Orchester aufzutreten. Ich konnte die Energie und das Publikum um mich herum ‘fühlen’. Wenig Ahnung hatte ich davon, dass dies bald Wirklichkeit und mein Leben werden sollte …”



Ihr zierlicher Körper könnnte auch leicht der einer Tänzerin sein, und ebenso, wie bei einer Tänzerin, bei der jede Sehne angespannt ist, ist sie durch und durch Musikerin. Eine Ausgeburt an Konzentration, gibt sie sich bei jedem ihrer temperamentvollen Auftritte der ganzen emotionalen Botschaft der Musik hin. Seit ihrem Debüt Auftritt im Alter von 10 Jahren mit dem Montreal Symphony Orchestra unter Charles Dutoit und der sich anschliessenden Asien Tournee mit dem Orchester wurde Musik für die in Kanada geborene Chung, deren Familie aus Korea stammt, zu ihrem natürlicher Lebensraum. Sie ganz sie selbst am Piano, mit vollkommener Gelassenheit und natürlichen Gesten, ob sie eine private Unterrichtstunde gibt oder ob sie in der großen Konzerthalle ist. Ihre Mozart CD gibt eine sehr lebendige Darstellung ihres innigen Klavierspiels wieder, voll von spielerischer Vorstellungskraft – ein perfektes Gegenstück zu Mozart.



Und dann wird es persönlich: War es dank der Musik, dass sich dieses Paar kennenlernte? Hätten sie sich vorstellen können, mit einem Nicht-Musiker/einer Nicht-Musikerin verheiratet zu sein und wird es nicht manchmal zuviel des Guten?



Alessio sieht es so: “Es wäre zu fremd, wenn wir nicht beide so sehr Musik mögen würden. Fast jede Stunde eines Tages sind wir mit Musik beschäftigt. Es ist fast völlig unmöglich, irgendeinen Moment zu finden, der nicht irgendwie mit Musik in Verbindung steht. So kann ich mir nicht vorstellen, mit einer Person zusammen zu sein, deren Leben sich auf völlig andere Vorstellungen beziehen würde. Es wäre auf so vielen Ebenen etwas Trennendes. Jede Person, jedes Paar ist unterschiedlich, aber meine Reaktion ist [folgende]: Wie könnte es sonst funktionieren?” Und doch wartet Lucille mit einer anderen, dennoch ebenso überzeugenden Sichtweise auf: “Wenn man mir, bevor ich Alessio kennenlernte erzählt hätte, ich würde einen anderen Pianisten heiraten, hätte ich gesagt, ich glaube das nicht. Rivalität, Egos… jeder Gedanken in meinem Kopf hätte die Antwort hervorgebracht, dass es nicht gut funktionieren könne - und dann noch obendrein ein Zusammenspielen? Es wäre mir nie in den Sinn gekommen…Und dennoch hat es sich als wahrer Segen herausgestellt. Ich mag und respektiere sein Spielen so sehr, es veranlasst mich, mit ihm spielen zu wollen.”



Alessio fügt hinzu: ”Als Pianisten müssen wir nicht miteinander spielen, es gibt nicht eine wirklich gegenseitige Abhängigkeit wie zum Beispiel bei einem Violinisten und einem Pianisten und es heikel werden könnte, wenn man jemand anderen auswählen würde, als denjenigen, mit dem man lieber zusammenspielt. Für uns ist es ein Bonus, keine Notwendigkeit.”



Aber was ist, wenn die Stimmung nicht gut ist, man gerade Streit hatte und nun zusammen auf der Bühne auftreten muss? “Erst einmal, wir sind nicht sehr konfrontativ,” sagt Alessio mit einem Ausdruck, der mich jedes Wort glauben lässt, das er sagt. “Letztendlich suchen wir Harmonie und das überträgt sich auch auf die Musik.” “Und wir sind nie schlafen gegangen, ohne zuvor ein Problem gelöst zu haben,” sagt Lucille. “Auf der Bühne treten wir als eine Einheit auf, konzentriert wie bei einem Solo-Auftritt. Ich habe Konzerte gespielt, als ich krank war und das Publikum hätte es nicht gemerkt.“ Und, mit einem verschmitzten Blinzeln in ihren Augen, “ich möchte nicht übertrieben sentimental klingen, aber ich denke, dass, wenn wir zusammen spielen, Leute davon angezogen werden - unsere romantische Beziehung wird in unserem Spielen in einer positiven harmonischen Weise offenkundig.”



Das Paar lernte sich im Jahre 1997 während des Hamamatsu Klavier Wettbewerbs in Japan kennen, wo Alessio den ersten Preis erhielt. Zu dieser Zeit studierte Lucille in Italien und unternahm viel zusammen mit der ‘italienischen Clique’ beim Wettbewerb. Alessio studierte in Dallas, aber da er Italiener war, schloss er sich der gleichen Gruppe von Freunden an. Es geschah zufällig, dass bei der Verteilung von Übungsräumen und der Planung der Auftrittszeiten Gruppen entsprechend der alphabetischen Ordnung eingeteilt wurden und ihre Namen im ersten Teil des Alphabets waren. So verbrachten Baglini, Bannister, Bax und Chung Zeit zusammen, während sie darauf warteten zu konzertieren, zusammen aßen und Freundschaften formten. Dennoch, nach diesem ersten Kontakt, gingen alle ihres Weges. Bis Lucille ungefähr ein Jahr später ihre neue E-mail Adresse mit einem Weihnachtsgruß schickte, was einen intensiven Austausch von e-mails auslöste.

Es war zu der Zeit nicht einfach, mit der langsamen Internet Verbindung und den zeitlich eingeschränkten Plänen Kontakt aufrecht zu erhalten.



“Mir fällt der Film: You’ve Got Mail ein,” sagt Alessio, als er an die Zeiten des Wartens am Computer zurückdenkt. Dennoch, während ihre Beziehung ihnen immer wichtiger wurde, war es dennoch noch eine begrenzte Freundschaft; beide von ihnen steckten zu der Zeit noch in anderen Beziehungen. Alessio kam nach Florenz, um ein Konzert zu spielen und sie gingen selbst mit den jeweiligen Partnern zusammen zum Abendessen aus. Und dann kam Lucille nach Dallas. Alessio hatte sich gerade von seiner ehemaligen Freundin getrennt und Lucille, die ihren Freund begleitete, einen Violinisten, der mit dem ‘Dallas Symphony Orchestra’ auftrat …nun gut, um eine lange Geschichte kurz zu machen: Lucille ließ ihr Herz in Dallas und Alessio, der ein bisschen ahnungslos was, was Lucilles Zuneigung betraf, kam nach Florenz zum Abendessen im “Dante” zurück, demselben Restaurant, in dem ihre Freundschaft begonnen hatte.



Der Rest ist Geschichte. Lucille zog nach Dallas und schrieb sich als Schülerin des Pianisten und Pädagogen Joaquín Achúcarro ein, der bereits Alessios große künstlerische Inspiration war. Jetzt beteiligen sich beide als künstlerische Direktoren der Achúcarro – Foundation, die kürzlich eine Partnerschaft mit der Phillips Collection in Washington D.C., wie auch mit dem Bravissimo- Festival in Guatemala eingegangen ist, das junge Künstler vorstellt. Lucille und Alessio sind schon seit einigen Jahren bei Bravissimo aufgetreten und eines der Highlights dieses Jahres wird eine Produktion sein, die Stravinskys Petrushka Ballett-Partitur beinhaltet, gespielt von … Marionetten. Indem eine besondere Kindheitserinnerung von Alessio einfließt, wird diese zu einem interessanten Auftrittsmotiv, produziert von einem in Miami ansässsigen Marionetten Ensemble. Die Marionetten werden mit Hilfe eines Videos eines vorherigen Duo-Pianoauftritts dieser Partitur von Lucille und Alessio, die Aufführung einstudieren.



Als Alessio eingeladen wurde, um im Jahre 2005 für die aufgezeichneten Meisterklasse von Daniel Barenboim zu spielen, war er davon beindruckt, wie gut der Maestro verstand, wie sich Musik auf das Leben bezieht und wie hervorragend er diese Verbindung erklären konnte und so Musik zum ultimativen Medium menschlicher Erfahrung machte.



Das musikalische Paar hat, obwohl es noch relativ jung ist, bereits bemerkenswerte Erfahrungen über sein melodisches Leben, seine Reisen und Bandbreite von Auftritten hinweg gesammelt. Auf einige bezieht sich Alessio in seinem Blog: Alessio Bax…habe Klavier, werde

reisen (http://alessiobax.blogspot.com/)



“Wenn es etwas gibt, was ich von diesen selbst-auferlegten musikalischen "Expeditionen" der letzten wenigen Jahren gelernt habe (zwei transsiberische Tourneen und drei kanadische Prärie Tourneen), ist das genau dieses. Eine außerordentlich wertvolle Lektion dessen, was WIRKLICH in der Musik wichtig ist und im Leben, wenn wir schon dabei sind, und was am Ende des Tages unser ultimatives Ziel beim Musikmachen sein soll. Schönheit, Enfachheit, Unmittelbarkeit ist es, was Musik so universell macht. Ich schätze mich glücklich, dieses Gefühl in den entlegensten Ecken des Erdballs zu erfahren und aus eigener Erfahrung die erstaunliche Wirkung zu sehen, die Musik auf Menschen hat. Egal wie lange wir an jedem einzigen unbedeutenden Detail auch arbeiten, wir sollten nie dieses Gefühl aus dem Bauch vergessen, diese aus dem Bauch kommende Emotion, die großartige Musik in sich birgt und jede Seele genau auf die gleiche Art und Weise ungeachtet geographischer, religiöser oder kultureller Unterschiede rühren kann.”



Der Schlüssel zu dieser ungewöhnlichen Partnerschaft mag in der Besonderheit ihrer eigenen Individualität liegen. Ob als Solo- Künstler oder als Duo-Team, klassische Auftritte sind selten noch attraktiver.



Ihre Webseiten sind: http://www.lucillechung.com/ und

http://www.alessiobax.com/

Saturday, November 14, 2009

Downtown New York und die neue klassische Musikszene



(le)Poisson Rouge




Neue Veranstaltungsorte öffnen ihre Türen für die klassische Musik. In letzter Zeit kann man starke Veränderungen in der Wahl der Aufführungsorte für klassische Musik beobachten. Mag sein, dass die Wirtschaftslage den New Yorker Immobilienmarkt negativ beeinflusst, für die klassische Musikszene gilt nach wie vor dessen goldene Regel: Lage, Lage und nochmals Lage.
Um dieser Tage Beachtung zu finden, muss ein Konzert in einem Nachtclub stattfinden, mit Vorliebe in ‘Downtown Manhattan’ unterhalb der 14. Straße. Geadelt durch die Auftritte berühmter Künstler haben sich bereits die ersten Favoriten herauskristallisiert. Manager und Werbefirmen ergreifen die Gelegenheit, das Image ihrer Künstler neu zu definieren und machen daher von den neuen Möglichkeiten für CD - Veröffentlichungen und spezielle Aufführungen Gebrauch.
Wenn Künstler klassischer Musik nach ‘downtown’ kommen, führt das zu einer aufregenden gegenseitigen Bereicherung, und die ‘downtown’- Nachtclubszene erweitert ihren Horizont in Richtung Klassik. Gab es zuvor eine klare Trennung zwischen ‘uptown’ - Klassik und ‘downtown’ - Musikszene, so haben Musiker und Fans klassischer Musik nun auch die Möglichkeit, ‘cool’ zu sein.
Zwei Clubs, die sich diesem Trend ganz und gar verschrieben haben, sind Le Poisson Rouge und der Highline Ballroom, beide in Lower Manhattan.
Bekannt als Veranstaltungsorte für Rock- und Popmusik, wurden deren Programme erweitert und bieten jetzt auch klassische Musik an. Das Besitzer - Team des Le Poisson Rouge, ein klassisch ausgebildeter Cellist, ein Violinist und Komponist - haben Le Poisson Rouge von Grund auf renoviert. Dort, wo einst das historische ‘Village Gate’ stand, ist unter der Leitung von John Storyk, ein hochmoderner Aufführungsort mit flexibler Bestuhlung und einer anspruchsvollen Tonanlage entstanden.
Ronen Givony, der künstlerische Direktor desLe Poisson Rouge, den der New Yorker-Essayist Alex Ross einen geborenen Impresario nennt, ist ein Erneuerer von Format, wenn es darum geht, unterschiedliche Teile der Musikwelt zusammen zu bringen und dabei etwas Neues zu schaffen. Vor seiner Tätigkeit für den Club verfasste Givony Subventionsanträge für die Chamber Society des Lincoln Centers. Dort zeichnete er auch für die ‘Wordless Music Series’ verantwortlich, die vom Radiosender Minnesota National Public Radio als gemeinsames Territorium für klassische Musik und Rockmusik gepriesen wurde.

“ Ich wollte die Struktur des traditionellen Rockkonzertes und des klassischen Konzertes neu überdenken”, sagt Givony, der zwar selbst kein Musiker ist, dafür aber ein Freund jeglicher Musik. Voller Enthusiasmus konzipierte er eine Veranstaltungsreihe einstündiger Aufführungen, in der er Künstler klassischer Musik mit Künstlern aus den Bereichen Rock, elektronische Musik und später auch Pop paarte, und die zur Hälfte Klassik, und zur anderen Hälfte Rockmusik boten. Über die ganze Stadt verteilte Kirchen, Hallen und Museen dienten als informelle Aufführungsorte für diese Veranstaltungen. “Im Stil der Internet-erfahrenen Personengruppe, die wir erreichen wollten, verzichtete die Veranstaltungsreihe auf jegliche Druckwerbung, sondern verließ sich auf Emails und auf unsere Website”, sagte Givony in einem Interview mit Musical America.Die Erfahrungen aus dieser Veranstaltungsreihe waren es denn auch, die die Grundlage für das Konzept von Le Poisson Rouge bildeten.

Um mit der jüngeren Generation klassischer Musiker Kontakt aufzunehmen und potentielle Künstler für den Club zu gewinnen, setzte Givony unter anderem auch Facebook ein. Trotz seines Erfolgs bleibt er bescheiden. “Klassische Musik hat sich schon immer in Richtung ‘downtown’ bewegt”, erklärte er mir. “Wahrscheinlich schon seit John Cage in intimen Clubs wie Stan's Kitchen and Joe's Pub auftrat. Was wir hier machen, ist alles schon mal dagewesen." Givony hat ohne Zweifel eine gute Nase in Sachen Auswahl der Künstler.
„ Ich hatte die Gelegenheit, einige meiner Lieblingskünstler bei inspirierenden Auftritten im Le Poisson Rouge zu erleben, so zum Beispiel die Pianistin Lucille Chung, die mit Alessio Bax die gesamten Ligety- Klavierwerke zu vier Händen, sowie Petroushka, die Stravinsky-Partitur für vier Hände vortrug.“
Den viel beschäftigten Alessio Bax, der erst kürzlich den begehrten Avery Fisher-Preis gewann, und der als Pianist sehr ernst genommen wird, ist einer der Künstler seiner Generation, dessen Name Schlagzeilen macht. Gerade erst letzte Woche veröffentlichte er eine bemerkenswerte Sammlung an Bach-Transkriptionen verschiedener Komponisten, ihn selbst eingeschlossen. Vor dem Konzert sprach er über die Wirkung der Petroushka auf ihn, und auch darüber, was es für ihn bedeutete, dieses Werk gemeinsam mit seiner Frau Lucille, die ebenfalls eine grossartige Pianistin ist, aufzuführen.
Und Lucille Chung bemerkte in unserem Gespräch über Aufführungen dieser Art: “Es war auf jeden Fall auch aus wirtschaftlicher Perspektive ein cleverer Zug, ein etwas heterogeneres Publikum für klassische Musik zu gewinnen; viele Leute ziehen einen informellen Ort wie Le Poisson Rouge einem formaleren Rahmen wie einer Konzerthalle vor. Auch ich selbst hatte weniger Probleme, Leute meiner Altersgruppe einzuladen, die ja sowieso ‘downtown’ ausgehen. Die kürzeren Werke, die modernen Komponisten und die etwas ausgefalleneren Stücke wie die zu vier Händen, all das passt so viel besser in diese Gegend - wie alles, was die doch etwas intimere Atmosphäre, die man hier erwartet, unterstützt.Trotz alledem – die Intimität muss - wie auf jeder anderen Bühne auch – nach wie vor vom Künstler geschaffen werden. Die kürzeren Stücke stehen im Einklang mit der kürzeren Aufmerksamkeitsspannne, und auch mit der Erwartungshaltung des Publikums, das sich hier auch sozial auszutauschen möchte.”
Auf die Frage, wie sie das Servieren von Speisen und den Lärm beim Abräumen der Tische während der musikalischen Darbietungen empfand – beides Dinge, die mich des Öfteren zusammenzucken liessen und es mir schwer machten, auch nur an meinem Wein zu nippen - antwortete Lucille: “Das stört mich eigentlich nicht. Wenn ich erst einmal spiele, bin ich total konzentriert. Viel wichtiger ist die Qualität des Klaviers oder des Flügels – damit steht und fällt alles.”

Man spürt den Geist der Veränderung und den Nervenkitzel des Aufbruchs und der Überwindung traditioneller Barrieren. Und die Musikindustrie ist sensibel genug, um den subtiblen, und gleichzeitig rasanten Veränderungen Rechnung zu tragen.
Der Highline Ballroom ist an einer Ausweitung seines Appeals als Club interessiert, und der Erfolg der klassischen Veranstaltungsreihe des vorigen Jahres im Le Poisson Rouge diente der Highline Ballroom-Musikserie diesen Sommer als Inspiration. Und vielleicht wird ja auch Jeremy Denk das für den Highline Ballroom tun können, was Andy Warhol einst für den Club 54 tat. Dank Denks guten Rufs als klassischer Pianist kommentierte Allan Kozinn von der New York Times dessen brilliante Aufführung. Aber nicht nur das: er gab auch seinen Kommentar zur interessanten Wahl und zum legeren Stil des Veranstaltungssortes ab. Kozinn verschwieg weder die akustischen Probleme noch die Qualität der Verstärker oder die Geräuschkulisse durch das klappernde Geschirr. Trotzdem schrieb er der Veranstaltung ‘das gewisse Etwas’ zu.
Jeremy Denks Aufführung war Teil einer Musikreihe, die Steinway and Sons mit der Leihgabe eines fantastischen Klaviers unterstützt hatten. Wie er mir bei unserem Gespräch kurz nach dem Konzert in einem Café an der Upper Westside erklärte, war er begeistert davon, im Highline Ballroom aufzutreten:
“Mein Manager hat mir den Veranstaltungsort angeboten und der interssierte mich sofort. Das Publikum war jung und offen …."
Und weiter: “ Es gibt immer mehr Ungeduld mit der stickigen Atmosphäre der Konzerthallen. Klassische Musik muss nicht als einengend erfahren werden. Ich habe den direkten Kontakt und die Nähe des Publikums im Highline Ballroom genossen. Ich fand das entspannend. Der Geräuschpegel, der zweifelsohne existiert, hat mich nicht wirklich gestört. Ich bin selten so entspannt wie ich es an diesem Abend war, und ich würde die Erfahrung jederzeit wiederholen.”

Es wird sich natürlich zeigen müssen, ob es sich hier um eine Modeerscheinung oder ein brilliantes Konzept handelt, das das Publikum mit seinem schlichten Ansatz zu mehr Flexibilität überreden kann, und dazu, Musik für sich selbst sprechen zu lassen, egal ob Radiohead oder Schubert.
In der Zwischenzeit gilt, was Ronen Givony vom Le Poisson Rouge sagt: "Die Qualität der Angebots an klassischer Musik auf unserem Veranstaltungskalender wächst beständig.”
Der Diskurs zum Thema klassische Musik innerhalb unserer Pop-orientierten Gesellschaft lädt weiterhin zum Nachdenken ein. So stellt James R. Oestreich in seinem New York Times - Artikel die Frage “Wer braucht Carnegie Hall”, und kommentiert somit diese Entwicklung. Das Interesse an diesem Themenbereich zeigt sich in der starken Reaktion zu den Alternativen, die zur Auswahl stehen.
Das Publikum gewinnt dabei. Jetzt kann man sein Glass Wein bei klassischer Musik geniessen.