Tuesday, March 11, 2014

Evgeny Kissin feiert das Erbe jüdischer Kultur in Musik und Dichtung


Als Charles Krauthammer, der langjährige Kolumnist der Washington Post und Mitbegründer von ‘Pro Musica Hebraica’, der Organisation, die an diesem Abend als Gastgeber fungierte, Evgeny Kissin bei dessen jüngsten Konzert in Washington vorstellte, war es von Anfang an klar, dass es sich bei diesem Abend um etwas Besonderes handeln würde.
Foto: Margot Schulman


“Dem heutigen Konzert kommt gerade deshalb ein besonderes Gewicht zu, da Mr. Kissin am 7. Dezember 2013 die israelische Staatsbürgerschaft angenommen hat, als Zeichen unerschütterlicher Solidarität und aus Trotz angesichts der Versuche, israelische Künstler zu isolieren und auszuschließen. Heute Abend ist sein erstes Konzert als Israeli in den Vereinigten Staaten, sagte Krauthammer auf den aus Russland stammenden Pianisten mit britischem Reisepass, verweisend.

Aber über diese politische Haltung hinausgehend war es Kissins Programmauswahl, die das Publikum überzeugte, wie tief der Pianist sich den jüdischen Wurzeln verpflichtet fühlt. Sowohl was die Musik als auch das jiddische Wort anbelangt, bot Kissin eine faszinierende Einführung in ein Kulturerbe, dessen Reichtum keineswegs weit bekannt ist.  Foto: Marot Schulman

Natürlich ist es genau das, worum es bei ‘Pro Musica Hebraica’ geht. Von Krauthammer und seiner Frau Robyn ins Leben gerufen, ist es die Aufgabe der Organisation, die historische und geografische Verschiedenheit des jüdischen Kulturerbes durch eine Palette von Programmen zu erkunden, indem verlorengegangene und vernachlässigte Meisterstücke jüdischer klassischer Musik dargeboten werden.

Nun in ihrer siebten Spielsaison hat die Konzertreihe kantorale Musik, die Werke der vom Holocaust verfolgten Musiker, barocke jüdische Musik aus Amsterdam und Musik, die den Einfluss französischer romantischer Musik auf jüdische Komponisten in sich trägt, abgedeckt. Die Reihe hat so unterschiedliche Künstler wie den Kantor Netanel Hershtik, den Klarinettisten Alexander Fiterstein und den Pianisten Marc-André Hamelin vorgestellt.

“Die Serie versucht den Nachweis zu erbringen, dass es mehr an jüdischer Musik als die offensichtliche Auswahl von Hava Nagilah oder Klezmer gibt,” sagt Krauthammer. “Es gibt eine Fülle von Werken, die es verdient, einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt zu werden. Es ist unsere Hoffnung, diese Werke durch junge, charismatische Auftrittskünstler zu verbreiten, die sie bei ihren nächsten Auftritten mit einbeziehen und so ihre Sichtbarkeit und anhaltende Vitalität zu gewährleisten.”

Wer wäre dafür besser geeignet, als der Star-Pianist Evgeny Kissin, dessen persönliche Überzeugung und künstlerische Berufung mit dem übereinstimmt, was die Krauthammers zu erreichen suchen?
Foto:Margot Schulman

Kissin hat sichergestellt, dass der künstlerische Anspruch des musikalischen Teils des Abends auf keinerlei Weise kompromitiert wurde. Wie James Loeffler, der wissenschaftliche Direktor der Pro Hebraica Serie erklärt, wagte Kissin den Sprung ins kalte Wasser, in ein Repertoire, das ihm größtenteils ebenso unbekannt wie dem Publikum war.
         
“Mit Ausnahme von Bloch kannte Kisin nicht die russisch-jüdischen Komponisten aus dem 20. Jahrhundert. Erst nach einer eingehenden Prüfung von etwa fünfzig Partituren, die wir ihm zum durchsehen und Spielen schickten, hat er seine Konzertauswahl getroffen. Es handelte sich dabei um Stücke, bei denen er nicht das Gefühl hatte, einen Kompromiss hinsichtlich ihrer musikalischen Vitalität eingehen zu müssen; er wollte nie einfach Musik nur deshalb spielen, weil diese jüdisch war.”

Die endgültige Auswahl von Werken von Komponisten wie Moshe Milner, Ernest Bloch, Alexander Veprik und Alexander Krein ließ keinen Zweifel am hohen Niveau von Kissins Auswahl. Indem er den Konzertsaal zu einem von Lebendigkeit erfüllten Raum machte, in der jüdische Kultur zelebriert wurde, nahm der Pianist das Publikum mit auf eine musikalische und dichterische Reise, die von Werken gekennzeichnet wurde, die seine eigene, persönliche Art der Kennzeichnung jüdischer Identität beleuchten.

Moshe Milners dramatisches Farn Opsheyd (Vor dem Sich-Trennen) eröffnete das Abendprogramm. Vom Schöpfer der ersten jiddischen Oper im postrevolutionären Russland mit dem Titel Die Himlen brenen (Der Himmel brennt, 1923) komponiert, hat dieses Werk einen unwiderstehlichen modernistischen, seelenvollen Reiz. Milner war sehr von Scriabin angeregt worden und Farn Opsheyd beschwört eine ähnliche Klangwelt. Im letzten Jahr wählte Kissin Farn Opsheyd als musikalisches Segment einer Veranstaltung am New Yorker Zentrum für jiddische Geschichte, welches sein Engagemenet für jüdische Kultur und Dichtung, ehrte. “Bei jiddischer Kultur handelt es sich um einen wahren Schatz, nicht nur für das jüdische Volk, sondern für die ganze Menschheit” kommentierte er damals.   Foto:Margot Schulman

Die Sonate Nr. 40 des schweizerisch-amerikanischen Komponisten Ernest Bloch stand als nächstes auf dem Programm. Im Jahre 1935 geschrieben, hatte Bloch die Sonate dem italienischen Pianisten Guido Agosti gewidmet, der dieses Werk 1936 in Genf uraufführte.
Blochs Werk zeugt von eher thematisch- intellektuellen und indirekt fühlbarer Beziehung zu seinem Judentum. Den ersten Satz seiner Sonata, beschreibt der Komponist als einen von obskurem und metallischem Charkater, ohne eine Spur von Sentimentalität zu hinterlassen.” Der mittlere Satz  “Pastorale” basiert auf einer volksliedartigen Melodie, welche verschiedene Metamorphosen durchläuft, hindurch durch Arpeggio Verse und konventionelle Triller, die die idyllische Stimmung des Satzes zu begründen helfen; das Finale”…wie die große Hinterfragung des Lebens und der Zukunft, die sich im Unbekannten verliert.”

Blochs lebenslanges Bestreben, seine ästhetische Ideen und seinen spirituellen-kulturellen jüdischen Hintergrund in Verbindung zu bringen, werden in solchen Werken wie seinem Baal Shem Suite aus dem Jahre 1923 offensichtlich, viele tragen hebräische Namen und beinhalten den historischen Begriff vom Judentum und des jüdischen Altertums.

Kissin eröffnete die zweite Hälfte des Konzerts mit Alexander Vepriks Sonate Nr.2, Op.5, die 1924 komponiert worden war. Als einer der größten Komponisten der “jüdischen Schule” betrachtet, gehörte der in der Ukraine geborene Veprik einer Gruppe von Komponisten an, die im Jahre 1923 die Moskauer Gesellschaft für jüdische Musik gründeten. Diese erwuchs aus der Gesellschaft für jüdische Volksmusik, die im Jahre 1908 von einer Gruppe junger Musiker am Konservatorium in St. Petersburg gegründet worden war und von dem prominenten russischen Komponisten Nikolai Rimsky-Korsakov gefördert wurde. Das erneute Interesse an jüdischer Kultur führte durch die Zwanziger Jahre hindurch zu einem nie zuvor dargewesenen Aufblühen der Künste. Zu dieser Zeit erfreute sich Vepriks Oeuvre auch in Europa und den Vereinigten Staaten großer Beliebtheit. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielte fast das gesamte Oeuvre in der Zeit zwischen 1928-1929; in New York dirigierte Arturo Toscanini Vepriks Dances and Songs of the Ghetto im Jahre 1933 in der Carnegie Hall.
         
Während sowohl Vepriks als auch Milners Werke nur subtil nuancierte Intonationen, die an jüdische Volksmelodien erinnern, aufzeigen, ist Alexander Kreins Suite Dansee voll von jüdischen Elementen und bietet so einen sehr persönlich zugeschnittenen Einblick in ein Mileu, das Gefahr läuft, aus der Erinnerung zu verschwinden.

Zu einer Zeit, als zunehmender politischer Druck viele Künstler dazu brachte, Kompromisse hinsichtlich ihres persönlichen Stils einzugehen, holt Suite Dansee seine Anregung aus der modernen, harmonischen Sprache von Komponisten wie Debussy, Ravel und Scriabin. Einige von Kreins wichtigsten Werken basieren auf jüdischen und liturgischen Melodien, wie seine symphonische Kantate Kaddish, beziehen sich auf die frühen Zwanziger Jahre; er setzte bis hin in die Mitte der Vierziger Jahre seine Neudefinition der Melodien fort, die jüdischen Ursprung hatten.

Zwischen seiner Musikauswahl stellte Kissin eine Auswahl von Gedichten von Hayim Nahman Bialik und Yithak Leibush Peretz vor und bot so dem Publikum die einzigartige Gelegenheit, etwas über seine tiefgreifende Zuneigung an dem kulturellen Erbe, dem er sich verpflichtet fühlt, zu erfahren. Indem er die ergreifenden und oft psychologisch tiefgehenden, poetischen Verse rezitierte, verwöhnte Kissin sein Publikum mit dem rythmischen Trubel der tadellos ausgesprochenen jiddischen Verse und sein engelhafter Ausdruck hinterließ das Publikum mit einem fast jenseitigen Gefühl. Man musste nicht seine Phantasie zu sehr bemühen, um sich Kissin als kleinen Jungen vorzustellen, der Zeit in der Datshka seiner jiddisch sprechenden Großeltern väterlicherseits am Rande Moskaus verbrachte. Hier war es, wo er die Liebe zur jiddischen Sprache übernahm, und hinsichtlich derer er sich viele Jahre später entschloss, diese zu lernen, wie er mir einst beim Abendessen auf New Yorks ‘Upper West Side’ erzählte.
Und es war die Gewissheit der Gründer von Pro Musica Hebraica, dass “…jiddische Dichtung, die von der Bühne des Kennedy Centers rezitiert wurde, ein extrem einzigartiges und lohnendes Ereignis sein würde, die diesen speziellen Abend hat Wirklichkeit werden lassen.

Kissins erste öffentliche Rezitationen jiddischer Dichtung gehen auf das Jahr 2002 zurück, als Martin Engstroem vom Verbier Festival Kissin ersuchte, das Rezitieren von Dichtung in sein musikalisches Angebot einzubauen.  “Ich akzeptierte das unter der Bedingung, dass auch andere Musiker das tun. Zubin Mehta, Kiri Te Kanawa und Itamar Golan stimmten der Teilnahme an diesem Projekt zu. Unglücklicherweise wurde unmittelbar vor Beginn des Festivals Zubins Vater sehr krank und starb bald darauf, so dass es Mehta es unmöglich war, das Projekt weiterzuverfolgen. Und in der letzten Minute, nur wenige Tage vor ihrem Konzert, sagte Kiri Te Kanawa ab. Nur Itamar und ich blieben übrig. Ich war der erste, der ins Wasser sprang, “ erinnert sich Kissin. Aus seiner Liebe für jüdische Musik entsprang eine Aufnahme, die im Jahre 2010 veröffentlich wurde: ”On the Keys of Yiddish poetry”.
 
Wenn es also bei der Reihe hinsichtlich ihres Ziel darum geht, zu fragen, worin das Wesen jüdischer Musik besteht, und dann die Einzigartigkeit dieses Erbes über die Grenzen einfacher Etikettierung hinaus zu vermitteln, dann haben Kissins Darbietungen großartiger Werke jüdischer Musik und das Hinzufügen der vertraulichen Empfindung für die Welt jiddischer Dichtung dazu beigetragen, diesen Auftag weiter voranzubringen.
Foto:Margot Schulman

Wednesday, January 22, 2014

Yefim Bronfman und Freunde treten mit dem Publikum bei ‘SubCulture’ in ‘Contact!’

’CONTACT!’
bei ’SubCulture’ –Bildnachweis: Chris Lee

Etwas Elektrisierendes lag am 13. Januar im leicht überhitzten Kellerraum bei SubCulture in der Luft. Das Publikum war mit Presseleuten, Konzertorganisatoren und Künstlern vollgepackt, einschließlich dem Maestro des ‘New York Philharmonic’ Alan Gilbert und der künstlerischen Leiterin des ‘92nd Street Y’ Hanna Arie-Gaifman, den Koproduzenten der zeitgenössischen Musikkonzertreihe CONTACT! bei ‘SubCulture’. Erst vor ein paar Monaten eröffnet, brummte der Veranstaltungsort, der Steve und Marc Kaplan zusammen gehört, fühlbar vor Erregung.
Und das war mit Recht so. Mit der Teilnahme des brillianten Pianisten Pianisten Yefim Bronfman, dem Mary und James G.Wallach Gastkünstler Programm des ‘Philharmonic’ und Mitgliedern des ‘New York Philharmonic Orchestra’ war das bemerkenswerte Interesse am Abendprogramm und das einwandfreie musikalische Können so gut wie garantiert.
Das abendliche Konzert wurde von Marc Neikrug moderiert, dem Komponisten des zuerst dargebotenen Werkes mit dem Titel Passions, Reflected for Solo Piano, das 2008 geschrieben worden war. Passions, am Piano von Yefim Bronfman mit seiner vollen Begeisterung und seiner hochgradigen Kunstfertigkeit, für die er geschätzt wird, dargeboten, erfuhr bei diesem Ereignis seine (etwas verspätete) Weltpremiere. Er schaffte es, die enorm unterschiedlichen Charakteristika einer jeden der zwölf kleinen, abstrakten Episoden, die sein Werk ausmachen, zum Vorschein zu bringen und gleichzeitig dennoch genug Ausgewogenheit zu geben, um es als Ganzes, als etwas, das größer als seine Bestandteile ist, bestehen zu lassen. Der Zusammenhalt der Teilbereiche des Werkes wurde vom Komponisten als eines der wichtigen Aspekte des Stückes hervorgehoben, das von ähnlichen Kompositionszyklen inspiriert wurde, wie sie in den Werken Schumanns Kreisleriana mit Segmenten gefunden werden und die laut Neikrug– anders als zum Beispiel Chopins Etüden oder Debussys Präludien, die für sich allein stehen könnten – nicht bei der Darbietung voneinander getrennt werden können. Mr. Neikrug, der über viele Jahre als Partner mit dem Violinisten Pinchas Zuckerman zusammen arbeitete, hat Passions, Reflected for Solo Piano eigens für Mr. Bronfman komponiert.
Als ein Künstler von höchster Integrität hatte Mr. Bronfman jüngst in einem Interview Zinta Lundborg erklärt:"..Ich möchte mich, auf jeglich mögliche Art und Weise in das den Denken des Komponisten hinein versetzen. Ich schätze keine Exzentrizität… das ist uninteressant,” ein Bestreben, das er ganz klar während seines Konzertes meisterte.                                                        
                       
Yefim Bronfman Bildnachweis: Chris Lee 

Nach einem bombastischen Finale von den sich steigernden Passagen des Stückes, die jeden aus der Fassung bringen, was Bronfman wie auch das Publikum ein bisschen atemlos hinterließ, lockerte der Künstler ganz spontan die etwas gedämpfte Atmosphäre im Publikum mit einer humorvollen Bemerkung bezüglich der Tatsache auf, dass bedauerlicherweise die Bar des Veranstaltungsortes während des Konzertes geschlossen sei. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ein Hauch von Unentschiedenheit den Schritt umgeben, hochkalibrige künstlerische Darbietungen in modische und intime Veranstaltungsorte wie ‘Subculture’ zu bringen, aber es scheint, als sei diese ambivalente Haltung in letzter Zeit der verlockenden Aussicht gewichen, an diesen Veranstaltungsorten alternatives gemeinschaftliches Erleben neu zu entwerfen.  Es schadet sicherlich nicht, dass das Publikum außerhalb der traditionellen Konzerthalle von den neuen künstlerischen Erlebnissen angezogen scheint: Ein Faktor, der sich vermarkten lässt, was recht bedeutend für kleinere Produktionen bleibt und dem nun Institutionen wie die ‘New York Phil’ und der ‘92nd Street Y’ Beachtung schenken trotz der ziemlich großen Einschränkung im Kartenverkauf im Vergleich zu ihren Heimveranstaltungsorten, ihrer Konzert Hallen.
Durch die Beteiligung beider Institutionen an dieser Konzertdarbietung dieser Saison von ‘Contakt!’ bei der ‘Subculture’ Reihe, war die 120 Personen fassende Räumlichkeit für diese Veranstaltung ausverkauft.  Das Aufbringen von finanziellen Mitteln wurde durch die großzügige Zuwendung der privaten Stifter Linda und Stewart Nelson unterstützt.
Mit Yefim Bronfman, hat die Produktion einen bedeutenden Impuls bekommen, indem er nicht nur die Persönlichkeit und die Gabe besitzt, über den Tellerrand zu schauen, wie er im Jahre 2007 im ‘Grand Central Terminal’ mit seinem pianistischen Werbegag, um New Yorks „Foodbank“ zu unterstützen, bewies. Jetzt bereits seit einigen Jahren hat Yefim Bronfman, der für seine großen Konzertbühnenauftritte mit einem Schwerpunkt auf geschätzte romantische und Meisterwerke der Klassik bekannt ist, zunehmend seine Aufmerksamkeit zeitgenössischen Werken gewidmet und wurde dafür, während des Abends, ausgiebig von Neikrug gepriesen.
Poul Ruders’ Streichquartett Nr. 4 ist zuvor im Jahre 2013 bei einer Privatveranstaltung in der ‘Morgan Library’ vorgestellt worden, aber hier zum ersten Mal öffentlich in New York. Das Werk stellt die erste Komposition für Streichquartett innerhalb des umfangreichen Oevresdes Komponisten dar. Es wurde beeindruckend gut von den ‘Philharmonic’ Violinisten Fiona Simon und Sharon Yamada, dem Bratschisten Robert Reinhardt und der Cellistin Eileen Moon dargeboten. Der Komponist selbst hat im Programmheft darauf hingewiesen: “Es ist in den fünf Sätzen und es geht über nichts anderes als es selbst.” Es war eines der Werke, die im Jahre 2013 von der ‘Royal Philharmonic Society’ und der ‘Britten-Pears’ Stiftung zu Ehren von Benjamin Brittens Hundertjahrfeier zusammen in Auftrag gegeben wurden.
Bei seinem zweiten Auftritt an diesem Abend wechselte sich Yefim Bronfman mit zwei weiteren Mitgliedern des ‘New York Philharmonic’, dem Violinisten Qaun Ge und der Cellistin Maria Kitsopoulus in sprühender Interaktion ab. Die drei trugen dasTrio Nr.1 für Violine, Cello und Piano des französischen Komponisten Marc-André Dalbavie vor, was vielleicht das Publikum nicht mit dem erinnerungswürdigsten Werk des Abend hinterließ, aber mit einem erfrischend optimistischen und positiven Ausklang. Dieses Werk, das von Yefim Bronfman im Jahre 2008 in der ‘Carnegie Hall uraufgeführt wurde, baut auf einer faszinierenden Einfachkeit musikalischer Motive auf, durchzogen vonTonleiter Schemata , die im Verlauf des einsätzigen Werkes ziemlich in Schwung kommen. Dieses ist die zweite Aufführugn eines Werkes von Dalbavie mit der ‘Philharmonic’ dessen Melodia für ‘CONTACT!’s Eröffnungsprogramm im Jahre 2009 in Auftrag gegeben wurde.
Foto:von links Marc Kaplan, Yefim Bronfman, Hanna Gaifman-Arie, Marc Neikrug, Steve Kaplan. Bildnachweis: getClassical
Nicht überraschend versammelten sich Mitglieder des Publikums nach der Show an der Bar, um persönlich und Schulter an Schulter den Künstlern zu gratulieren, die sich glücklich schätzten, ohne die gewöhnlich notwendigen Listen für den Grünen Raum zu interagieren.

Thursday, December 26, 2013

Huang Ruos Oper ‘Dr. Sun Yat-Sen’ – ein zeitgenössisches Meisterstück gibt asiatischer Fusion neue Wertschätzung

Foto: Huang Ruo bei der ‘Asia Society’ (GetClassical)

Als Vorschau auf die bevorstehende amerikanische Premiere präsentierten am 2. Dezember der Komponist Huang Ruo und sein kreatives Team von der ‘Santa Fe Opera’ Ausschnitte der auffallend lyrischen, modernistischen Oper, die sowohl in Mandarin – Chinesisch als auch im kantonesischen Dialekt gesungen wird, bei der “Asia Society.’
Im Rahmen einer Podiumsdiskussion, die von dem Journalisten Ken Smith moderiert wurde und den Komponisten Huang Ruo vorstellte, diskutierten Bühnenregisseur James Robinson, Kostümbildner James Schuette, Choreograph Sean Curran und die Dirigentin Carolyn Kuan die der Produktion innewohnenden Herausforderungen; kreative Lösungen zu diesen wurden von den unterschiedlichen Perspektiven all der beteiligten Künstler beleuchtet.
“Die Oper entwirft ein Bild von der historischen Figur Dr. Sun Yat-Sen, dem Gründungsvater des modernen China …” erklärt Ken Smith.
Der Inhalt der Oper basiert größtenteils auf wirklichem historischem Material, wie Sun Yat-Sens politische Reden, Briefen und Fotografien. Dennoch dient seine Stellung als politischer Revolutionär nur als farbenfrohe Kulisse für das seinen Ausgang nehmende persönliche Drama, das in drei Akten, die jeweils unterschiedliche Schauplätze darstellen, auf die Bühne gebracht wird: “Es handelt sich um eine recht persönliche Lebensgeschichte, die ich zeigen wollte und die recht unbekannt ist,“ sagt Ruo, “seine leidenschaftlich und revolutionäre Persönlichkeit.”
Und es ist die sehr ergreifende, künstlerische Ausdruckskraft in solch feinfühligen Arien wie Lu Muzhens (Sun Yat-Sens verlassene erste Frau) Klagelied, die die Erkenntnis einer menschlichen Binsenweisheit, persönlichen Glauben, Trauer und Erfüllung darstellen, die Sun Yat-Sens persönliche Geschichte charakterisieren. “Diese abgebundenen Füße können nicht mit der Zeit mithalten,” singt Lu Muzhen und bringt damit die grundlegende Wahrheit des Einflusses historischen Wandels mit ihrer eigenen Geschichte einer persönlichen Transformation in einen direkten Zusammenhang, die mit Sensibilität durch die Helden und die Opfer der Saga verallgemeinert werden. Foto: Zhou Yi, Pipa und Guqin (GetClassical)

In traditioneller chinesischer Oper – und es gibt eine Vielzahl verschiedener Opernstile – werden die Charaktere explizit durch ihr äußeres Erscheinungsbild symbolisiert; Ruo erklärt, wie man anhand einer unmissverständlichen Illustrierung nicht unbedingt die Geschichte kennen muss, um die Persönlichkeiten der auf der Bühne Anwesenden zu erkennen. Mit Wagners ‘Leitmotiven’ vergleichbar stellt Ruo die musikalische Einleitung mit dem Erscheinen einer jeden Figur in Zusammenhang, indem er bestimmte musikalischen Phrasen nutzt, um eine ästhetische Verbindung zwischen dem musikalischen Thema und der dramatischen Darstellung der Charaktere zu erzielen. “Man hört die Figur bevor man ihn oder sie auf der Bühne sieht,” stellt er abschießend fest.
Die Produktion der Oper  eröffnet einige interssante Gesichtspunkte: Nachdem diese von der ‘Opera Hong Kong’ im Jahre 2011 in Auftrag gegeben worden war, hatte sie das ‘Hong Kong Culture Centre Theatre’ mit dem ‘Hong Kong Chinese Orchestra’ im Oktober 2011 uraufgeführt und schuf damit die allererste Oper im westlichen Stil, die von einem vollständigem Orchester mit chinesischen traditionellen Instrumenten begleitet wird. Es gibt zwei Versionen der Partitur, die geistreich von Ruo unterschieden werden: “Dies sind nicht zwei grundverschiedene Partituren, es handelt sich vielmehr um unterschiedliche Instrumentalversionen des Gleichen. Eine für ausschließlich chinesische Instrumentierung, die andere ist zusätzlich zu den traditionellen chinesischen Instrumenten an eine Westliche angepasst. Ich würde dies als eine spiegelbildliche Transkription beschreiben: Man hält den Spiegel hoch und das eigene Bild im Spiegelbild erkennen.” Foto: Huang Ruo (GetClassical)

Zusätzlich wurde der Text der Partitur verändert und Teile der gesprochenen Zeilen wurden zugunsten einer erfolgreichen Darstellung von Ruos Dimensionalität, der von ihm angewandten Kompositionsmethode, gestrichen. Die Produktion hatte mit Sicherheit auch die Geduld eines westlichen Publikums im Auge, das die kantonesischen Dialekte nicht beherrschte. Ruo beschreibt diese Art Musik zu kreieren und wahrzunehmen als eine Weise, vielschichtige musikalische und textliche Bedeutungsebenen zuzulassen: “Ich habe nicht absichtlich versucht, eine stilistische Fusion zu schaffen. Ich habe mir einfach das Libretto angeschaut und nachgedacht, wie es klingen sollte und wie jede Zeile zu interpretieren sei. Zurückschauend kann ich feststellen, dass ich es weder als Darstellung einen strikt westlichen Opern- noch als einen chinesischen Volksmusikstil betrachte. Obwohl ich es für westliche Stimmvarianten schrieb, wird es durch das Singen chinesischer Wörter zu einer einzigartigen Kombination.“
Der erste Akt der westlichen Version der Oper hatte im Jahre 2011 bei der ‘New York City Opera’ seine Vorpremiere.
Im Januar 2012 dirigierte Ruo ein von ihm gegründetes Ensemble mit dem Namen FIRE bei der Konzertversion von Ausschnitten im ‘Le Poisson Rouge’, gefolgt von einer Vorstellung bei der ‘Asia Society” im Mai 2012.
Um was für ein außergewöhnliches Unterfangen es sich bei Ruos Meisterstück sowohl in den USA als auch in China bei Santa Fes geplanter vollständiger Produktion von Dr. Sun Yat-Sen handelt, machte das Erhaschen eines kurzen Blickes in diesem Dezember klar. Das Konzert in Hongkong kennzeichnete die erste Aufführung einer zeitgenössischen Oper mit einem vollständigen Orchester bestehend aus traditionellen chinesischen Instrumenten. “Es motivierte mich diese Oper zu schreiben, um so etwas dem kleinen Repertoire an zeitgenössischer Oper, das in Chinesisch geschrieben ist, hinzuzufügen. Schließlich handelt sich bei Chinesisch um eine sehr rhythmische und musikalische Sprache. Obwohl China einen lange, reiche Geschichte traditioneller Opern hat, ist diese Tradition mit dem Schwinden eines Publikums und dem Mangel an einem neuen Repertoire in Gefahr geraten,” sagt Ruo, und drückt damit eine Besorgnis aus, die sicherlich international eine Entsprechung hat.
Dr. Sun Yat-Sen wird in der vollen Länge an der ‘Santa Fe Opera’ am 26. Juli 2014 aufgeführt werden.
Ilona Oltuski

Ausscnitte aus 'Dr.SunYat-Sen' 

Thursday, December 5, 2013

Yuja: “Ich mach’ mein eigenes Ding”


Es gibt viele großartige Auftrittskünstler, die ihr Publikum auf eine persönliche Reise in die Tiefen der Welt eines Komponisten mitnehmen, und dann ist da Yuja Wang, die diese musikalische Welt mit ihrer ganz eigenen Lebendigkeit erlebbar macht. Ihr letzter Auftritt in der Carnegie Hall im Oktober 2013 war ein perfektes Beispiel dafür – ein genialer Wurf und ein Bravourstück virtuosen Repertoires, das die junge Pianistin mit großartiger Beherrschung meisterte. Darüber hinaus war es die von ihr ausgehende innere Vitalität, die das Publikum in ihren Bann zog und Yujas eigene Wahrheit durch die Musik vermittelte.
            Zum Interview mit dem 26-jährigen Superstar trafen wir uns bei ‘Indies’, einer kleinen Lounge, wo wir beide Stammkunden sind und die nicht weit entfernt von ihrer New Yorker Wohnung in der Nähe des Lincoln Centers ist.
            “Ich reagiere sehr auf das Publikum und lebe von der Energie, die ich im Saal empfinde”, meint Yuja. “Ich bin schon immer aufgetreten, von früh an, und ich lerne mein Repertoire durch meine Auftritte, durch das Spielen kennen – und das hat sich nicht wirklich verändert. Ich muss auftreten, um mich lebendig zu fühlen. Jedesmal ist es anders, es ist ganz organisch. Wenn ich mit anderen Künstlern auftrete, kommen verschiedene Seiten von mir zum Vorschein. So kann ich jeweils eine andere Person sein.”
           Ihre Bühnen-Outfits mögen dies ab und zu reflektieren, und so gibt es denn auch immer wieder kritische Kommentare zu Yujas äusserem Erscheinigungsbild, wie zum Beispiel anlässlich ihres sexy 'Hollywood Bowl' Auftritts. Yujas Antwort darauf? “Ich bin wie ein Chamäleon; ich reagiere auf meine Umgebung und passe mich dementsprechend an.” Und: “Diese Kritik sagt viel mehr über die Kritiker als über meine Kleiderwahl aus.”
            Ihre Freimütigkeit mag etwas mit der Tatsache zu tun haben, dass sie nicht wirklich über den Kritiken brütet: “Ich lese sie nie – was vorbei ist, ist vorbei”, sagt sie mit sonnigem Lächeln. Sie zeigt auch eine erstaunliche Gleichgültigkeit gegenüber der Masse an Publicity, die sie umgibt. Von dem ganzen Zirkus unberührt vermittelt ihre selbstbewusste Persönlichkeit eine leidenschaftliche Unabhängigkeit und fast exzentrische Glaubwürdigkeit, die es ihr erlaubt, ihr verletzliches Selbst zu verstecken und zu schützen. “Ich mag nicht wirklich zu viel über mich selbst in einem Interview preisgeben,” sagt sie, “und irgendwie werde ich sowieso nie ganz korrekt zitiert.”
            Für Yuja liegt die Wahrheitsfindung in der Musik: “Ich spiele am besten, wenn ich aufrichtig bin”, erklärt sie. “Genau dann gelingt es mir, mein Publikum zu bewegen. Aber die Wahrnehmung kann sich leicht verändern: als ich zum Beispiel mit dem Aufnehmen begann, war das, was ich zu spielen glaubte, anders als das, was ich dann in der Aufnahme hörte. Manchmal hatte es gar nichts mit dem zu tun, was ich fühlte – es ist so eine Art Schmetterlingseffekt.”
            Yuja beschreibt den Prozess, die von ihr angestrebte Aufrichtigkeit in ihrem Spielen zu finden: “Ich spiele, und wenn ich es dann höre, hasse ich es. Ich denke mir, dass ich so viel besser spielen könnte. Dann probiere ich es dreimal, viermal, fünfmal und höre erneut zu, und vergleiche es dann ... nur um herauszufinden, dass das erste Mal das Beste war.”
            Ein anderer Stein des Anstoßes für Kritiker ist, was sie als ‘reißerischen‘ Stil ihrer Interpretationen bezeichnen - eine Kritik die Yuja so beantwortet: “Ich habe gelernt, Beethoven zu spielen, und ich habe Bach gelernt, aber nie war ich so hingerissen wie bei Rachmaninoff.” Trotzdem wird Yuja im Februar 2014 Beethovens Konzert Nr. 3 zusammen mit dem ‘London Symphony Orchestra’ während ihrer Residenz bei dessen ‘Artist Portrait Series’ spielen.
            “Virtuose Partituren haben nicht unbedingt etwas mit einem reißerischem Stil zu tun”, erklärt sie. “Meine Veranstalter planen all diese romantischen und post-romantischen Werke zwei Jahre im voraus, und ich möchte mein Bestes auf die Bühne bringen. Wenn mich aber ein Stück reizt … je mehr es mich persönlich anspricht, umso besser kann ich es spielen und mein Publikum fesseln. Das bedeutet nicht, dass ich nicht manchmal bei soviel Feuer ermüde, das ist sicherlich so. Und man kann immer noch soviel lernen.”
            Im Sommer 2014 wird Yuja wieder mit dem Violinisten Leonidas Kavakos zusammenarbeiten; dieses Mal stehen Sonaten von Brahms für Violine und Piano auf dem Programm. Durch Kavakos lernte sie auch den legendären, ungarischen Pädagogen Ferenc Rados kenne; für Yuja ist Rados, der schon als Lehrer für Andràs Schiff bekannt wurde, ein Genie. “Auf der Grundlage seines inhärenten Veständnisses von harmonischen Zusammenhängen gewährt er einen völlig anderen musikalischen Einblick in ein Stück und wie es zu strukturieren ist,“ schwärmt sie bewundernd.
            Bei jährlich über 80 Konzerten und Aufnahmeterminen auf der ganzen Welt bleibt Yuja eher wenig Gelegenheit, Zeit an einem Ort zu verbringen. “Irgend jemand fragte mich kürzlich: ‘Wo fühlen Sie sich zuhause?’ Und ich antwortete: ‘Mein Wohnzimmer ist in New York, mein Studio ist in Paris, und in Deutschland nehme ich auf,’ aber letztendlich geht es nicht so sehr um Orte, sondern um die Menschen.”
            Sie genießt es, Weltbürgerin zu sein, und es gibt viele Abenteuer jenseits des Klaviers, die sie gerne erleben würde, wie zum Beispiel nach Indien zu reisen und dort eine Weile ohne Internet zu leben. Gleichzeitig weiß sie, dass es jede Menge Mut erfordern würde, sich von ihrem rigorosen Auftrittskalendar frei zu machen. “Trennungsangst” nennt sie es. Und das ist ziemlich genau das, was die 14-jährige Yuja empfunden haben mag, als sie vor 12 Jahren ihre Familie in Peking verließ.
            Damals hatte Yujas Lehrer am Zentral-Musikkonservatorium in Peking eine Fortsetzung ihres Studiums am ‘Curtis Institute of Music’ in Philadelphia empfohlen, in der Hoffnung, sie würde mit dem bedeutenden Pädagogen Claude Frank studieren können. Als Yuja schließlich bei Curtis zu einem Probespielen ankam, war es Gary Graffman, der sie unter seine Fittiche nahm.    
            “Er liebt die chinesische Kultur und er ist ein großer Sammler chinesischer Kunst”, sagt sie über Graffman, der auch den Superstar-Pianisten Lang Lang betreute. “Er lehrte mich vieles über chinesische Geschichte und Kultur. Obwohl er einer anderen Generation angehört, haben wir eine wunderbare Beziehung.” Und zu seinem Lehrstil sagt sie folgendes: “Künstlerisch gab er mir sehr viel Freiheit und mochte es sehr, wenn ich etwas Unerwartetes in der Musik fand. Sein Gesicht leuchtete dann auf und ich liebte diese Reaktion. Ich ‘arbeitete’ daran und fühlte mich inspiriert, ihn erneut zu überraschen.” Graffman, zu dessen 85. Geburtstagsehrung sie im März 2014 am Curtis Institut auftreten wird, ging 2008 als Präsident von Curtis in den Ruhestand. “Ohne ihn wäre meine Karriere gar nichts,” sagt sie. “Er inspirierte mich zutiefst, und stellte durch seine pianistische Traditionsverbundenheit eine direkte Verbindung zur gesamten europäischen Klassik für mich her  … Als ich jung war, träumte ich davon, in Europa zu studieren … bei Curtis spielte ich dann für Künstler, die mich indirekt mit diesen grossartigen Traditionen in Kontakt brachten. Schließlich habe ich auch für Claude Frank, Pamela Frank und Leon Fleisher und viele andere gespielt.”

            Yuja schätzt es, dass Curtis Wert darauf legt, Freundschaften statt Wettbewerb unter den Studenten zu fördern. “Curtis bietet eine erstaunliche Umgebung; es ist eine kleine Schule, super-freundlich und einladend. Und alles dreht sich darum, Musik zu entdecken und neugierig zu machen. Sie behandeln jeden als sei er die grosse Ausnahme. Curtis hat einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen.”
            Und wie ist es, nicht mehr Teil einer Gruppe von Studenten zu sein? Yuja lächelt und sagt in Gedanken verloren: “Ich bin oft einsam, aber daran bin ich gewöhnt. Selbst als Kind habe ich selten mit anderen Kindern gespielt. Ich war nicht sehr sozial, war aber auch nicht unglücklich darüber. Ich übte und machte mein eigenes Ding.”
            Und genau das macht sie immer noch, und nach wie vor sehr erfolgreich.





Yuja Wangs fünfte Aufnahme mit der Deutschen Grammophon: Piano Concertos, Rachmaninov #3 und Prokofjews Konzert Nr. 2, Op. 16 mit dem Simón Bolívar Symphony Orchestra of Venezuela unter Gustavo Dudamel ist ab Januar 2014 im Handel erhältlich.

Wednesday, December 4, 2013

Joshua Bell läutet die Feiertage zum Ende des Jahres mit einem live-übertragenen Konzert ein – von seinem Zuhause direkt in das Ihre

Foto: Joshua Bell, Renée Fleming  (Clint Spaulding/Patrick McMullan.com)
Um ein einzigartig erfreuliches, musikalisches Erlebnis zu bieten und die im Oktober erfolgte Veröffentlichung von Joshua Bells neuem Album Musical Gifts zu feiern, haben WFYI Public Media und Adrienne Arsht eine besondere Veranstaltung in Bells New Yorker Privatwohnung gesponsert. Diese besondere Veranstaltung fand am 26. November statt und stellte den außergewöhnlich begabten Geiger zusammen mit einigen der auf dem Album Mitwirkenden beim Spielen einer buntgefächerten Auswahl feierlicher Weihnachts- (und Hanukkah) Melodien vor. Mit dabei im Kreis der illustren Vortragenden waren: Renée Fleming, Michael Feinstein und Frankie Moreno, Rob Moose und der ‘Young People’s Chorus of New York City’. Dies war die erste Ausstrahlung dieser Art überhaupt: “Musikalische Geschenke: Joshua Bell und Freunde – Live aus Joshuas New Yorker Zuhause.” Der Webcast dieser Veranstaltung wird bis zum 31. Januar 2014 bei ‘Medici.tv’ zum direkten Ansehen abrufbar sein.
Die Gruppe der Auftrittskünstler versammelte sich ungezwungen um einen antiken Steinway Konzertflügel in der Mitte von Bells großem, länglich ausgedehnten Wohnzimmer, während die Kinder des ‘Young People’s’ Chores dekorativ entlang der kerzenerleuchteten Treppe saßen, die auf die Dachterrasse hinaufführt. Die herzerwärmenden Auftritte bezogen Sänger, Pianisten und sogar einen Harfenspieler mit ein, die sich alle abwechselten, um mit Bell zusammen zu musizieren, der humorvoll von der leichten Anspielung als einem der Sache innewohnenden Exhibitionismus spricht, der einen begnadeten Auftrittskünstler ein Leben lang begleitet:  “Er bemerkte bzgl. seiner Stellung im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und der Tatsache, dass er bei jedem Stück mitmachte: letzten Endes”... handelt es sich ja schliesslich um mein Haus.”
 (Foto: Clint Spalding/Patrick McMullan.com)
Während mein Mantel an der Garderobe der bemerkenswerten Wohnung Bells im New Yorker ‘Flatiron’ Distrikt abgegeben wurde, konnte ich mir nicht verkneifen, seine persönliche Autogrammsammlung zu bewundern, die solche ikonenhaften Persönlichkeiten wie Albert Einstein beinhaltet, der zusammen mit Bronislaw Huberman, dem Begründer des ‘Palestine Symphony Orchestra’ und Vorgänger des ‘Israel Philharmonic Orchestra’ posiert. Huberman ist auch der frühere Besitzer der dreihundert Jahre alten Stradivarius, die Bell heutzutage spielt und liebevoll als seine teuerste und kostbarste Habe würdigt.
Heidi, die seit mehr als 10 Jahren als persönliche Assistentin von Bell tätig ist, gab eine Führung über die zwei Etagen und die Dachterrasse von Bells luxuriösem Penthouse, in dem er nunn auch schon ein Jahrzehnt, wenn er in New York ist,  lebt. Sie erklärt: Es ist vom großartigen amerikanischen Architekten Charles Rose entworfen und für solche Abende wie dem heutigen, im Sinn ausgelegt worden. Der Raum bietet Platz für ungefähr 150 Gäste.” Wie ich den sparsam dekorierten Medienraum auf der unteren Etage durchschritt, wo sich die  ‘Medici.tv’ Crew mit einem wilden Kabelgewirr niedergelassen hatte, erspähte ich eine weitere von Bells Obsessionen. Wenn er nicht gerade mit Auftritten beschäftigt ist, reist oder für Auftritte probt, ist Bell, der am 9. Dezember seinen 45-jährigen Geburtstag feiert, auch ein fanatischer Fan von ‘American Football’ und zeichnet jedes Spiel auf, um auch nicht nur ein einziges zu verpassen. Er ist besonders, zufolge Heidi,  ein eingeschworener Fan seiner Heimmannschaft: den ‘Indianapolis Colts’.
Fund-raiser Veranstaltungenund andere musikalische häusliche Abendveranstaltungen, die sowohl großartige Musik als auch kulinarische Köstlichkeiten einem gemischten Schwarm an Gästen, einschließlich von Prominenten, der Presse, Musikern, Freunden und Kollegen, anbieten, sind keine Seltenheit in Bells Heim.
 (Foto: Clint Spalding/Patrick McMullan.com)
Offensichtlich lässt dieser Grammy prämierte Künstler, der im Alter von vier Jahren begann, Geige zu spielen, nicht seine Liebe im Stich, auch jenseits der Vorhänge der Welt andere an seiner Musik teilhaben zu lassen, sondern hat er vielmehr den Hang, seine privaten Räumlichkeiten in seine eigene persönliche Spielstätte zu verwandeln, was an den Stil der großen Salons erinnert.
Bells Begeisterung für ein Erleben aus unmittelbarer Nähe bei der Herstellung und der Präsentation von Musik inmitten einer vertrauten Umgebung kleinerer Presentationen, um einen direkteren, intensiveren und vertraulicheren emotionalen Austausch zu erzielen, stellt einen derzeitigen Trend in der klassischen Musikwelt dar.
Selbst die ‘New York Philharmonic’ hat das Potenzial eines neuen Interesses an kleineren, eklektischeren Vorstellungen realisiert, indem es am New Yorker Downtown Veranstaltungsort SUBCULTURE, der sich dem Ansturm klassischer Musikveranstaltungen bei Downtown Musikdrehscheiben wie Le Poisson Rouge und Joe’s Pub angeschlossen hat, Konzerte plant. Veranstaltungen des ‘Classical Salon’ wie GetClassical werden ebenfalls in ästhetisch anspruchsvollen und dennoch herausragend ‘cool’ wirkenden Lounges des Downtown New Yorker Nachtlebens, wie der ‘Gramercy Park Hotel Rose Bar‘ besonders herausgestellt. Diese neuen Veranstaltungsorte bringen klassische Musik einem neuen Publikum nahe und steigern das Erleben durch den Faktor einer entspannten Umgebung; sie fügen ebenfalls die verlockende Aussicht hinzu, während eines Auftritts und nicht nur während der Pause ein Glas Wein genießen zu können. 
Foto: GetClassical - Salon in der Rose Bar, Gast: pianist Evgeny Kissin  (Alex Federov)
Das persönliche Element dieser neuen Darbietungen klassischer Musik ist etwas, das in der Luft liegt und das ohne Zweifel von dem charmanten Franzosen Hervé Boissière, dem Gründer von ‘Medici.tv’, aufgegriffen wurde und ihn und Joshua dazu inspirierte, diese Veranstaltung zu planen. Dieses Programm stellt die erste Übertragung von Bell durch ‘Medici.tv’ in New York dar und die erste Übertragung des Senders direkt aus einem Privathaus: “Zuvor hatte ich Joshuas Auftritte beim Verbier Festival und anderen internationalen Bühnen übertragen. Die Entscheidung, diese Idee nun in die Tat umzusetzen, wurde im Mai getroffen, als wir ihn das letzte Mal ausstrahlten, während er in Deutschland konzertierte, “sagt Hervé.
‘Medici.tv’ wurde im Jahre 2008 ins Leben gerufen, aber war bereits in Europa wohlbekannt, bevor es sich auch in Amerika einen Namen machte.  Das innovative ‘Medici.tv’ Team benutzt ferngesteuerte Kameras, um einen direkten Fokus auf die Auftretenden und eine Nahaufnahme der instrumentalen Details während der Live Übertragung zu ermöglichen. Indem es auf Abonnement Basis durch eine technologisch versierte Live Übertragung von Konzerten und eine vielfältige Video-Bibliothek auf Abruf eine weltweite Gemeinde von Musikliebhabern zusammenbringt, besitzt ‘Medici.tv‘ nun Amerikanische Universitäten als Kunden, einschließlich ‘Stanford’, dem ‘Massachusetts Institute of Technology’, ‘Columbia’, der ‘Juilliard School’ und der ‘Manhattan School of Music’.
(Facebook Foto) Hervé arbeitet eng mit seinen Teamkollegen zusammen, von denen die meisten, darunter der Produktionsverantwortliche, Teil seiner französischen Crew sind; sein Team besteht in der Regel vorwiegend aus Leuten vom französischen Personal von ‘Medici.tv’, selbst dann, wenn in den USA gedreht wird. Aber langsam ändern sich die Dinge: “Anfangs brachten wir die gesamte Mannschaft aus Frankreich rüber, aber in der Zwischenzeit waren wir auch in Zusammenarbeit tätig. Diesmal sind in Zusammenarbeit mit ‘WFYI Public Media’ fünf von den Crew Mitgliedern und Produzenten in Amerika beheimatet und wir brachten nur 10 Leute unserer ursprünglichen Gruppe mit.”
Die Gewährung öffentlichen Zugangs zur Nähe eines privaten Konzertauftritts, wie dem der “Musical Gifts” zu gewähren, erscheint als ein optimales Gegenmittel müder Publikumsmassen und ein magisches Anziehungsmittel für energetische Konzertbesucher.
Ilona Oltuski

Sunday, December 1, 2013

Konzert-Ankündigung mit einem Twist – die Interpretation des Pianisten Jonathan Levin von PR-trivial pursuits





“Er ist so vielseitig, er wird Ihren Rasen mähen,” verkündigt lobend diese ausgelassene Konzertankündigung, die von dem sehr talentierten Pianisten Jonathan Levin erstellt wurde, den ich, nachdem ich diese sah, unbedingt treffen musste. Bedauerlicherweise schaffte ich es nicht zu seinem “sehr bedeutenden Konzert,” aber machte mir auf dem Internet ein Bild von seinem Spielen und glaube wirklich, dass dieser Absolvent der ‘Manhattan School of Music’ mehr Aufmerksamkeit, als er, wie er behauptet, verdient bekommt.  

 

Obwohl er bisher der Entdeckung durch Record Labels und Management entkommen ist, hat er – über die ausgezeichnete Klavierkunst hinaus – etwas sehr Brauchbares zu bieten: Bescheidenheit und zurückhaltenden Humor, der ihn auf dem Boden der Tatsachen lässt, und er hat ein äußerst ungekünsteltes Auftreten, während er untentwegt seine Träume verfolgt: Und das ist das Klavierspielen, Komponieren, Unterrichten... und er produziert in seiner Heimatstadt Clayton in North Carolina ein Klavierfestival, das sich nun seiner dritten Saison nähert. Damit das Festival an Schwung gewinnt, hat er soeben einen Dokumentarfilm fertiggestellt, der Jonathans Vision und die Ziele des Festivals beschreibt: klassische Musik für jedes Publikum zugänglich und erfahrbar zu machen.

“Ich denke die meisten Leute, egal ob sie regelmäßige Konzertbesucher sind oder nicht, nähern sich klassischer Musik mit etwas, das eher einer Befürchtung ähnelt, erklärt Jonathan.” Es gibt ein Gefühl, dass sie etwas nicht verstehen oder sich unangenehm fehl am Platz fühlen. Mein Ziel ist es, ihnen ein bisschen die Angst zu nehmen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie ‘mit dabei’ sind.”

Jeder der Auftritte des zweiwöchigen Piano-Festivals hat spezifische Themenstellungen und beinhaltet eine Erzählung der Auftretenden. Sie teilen ebenfalls ihre eigenen Gefühle über die Darbietung dieser Werke mit und beziehen dabei das Publikum mit ein, um so das ganze Gesamterlebnis zu verbessern.




“Es gibt keinen Druck, viel über Musik vorab wissen zu müssen… und das Publikum kann auf diesem Weg ein neues Lieblingsstück oder einen neuen Lieblingskomponisten entdecken. Live-Auftritte sind ein zentraler Bestandteil dieser Kunstform …das gemeinsame Erlebnis kann nicht anders als einfach magisch sein.”

 

Für weitere Informationen über das Clayton Piano Festival und Jonathan Levin



 

 

 

Wednesday, November 6, 2013

Jerome Rose – Visionär am Klavier

Dieser Artikel erschien im Original vom Autor, Ilona Oltuski, bei PianoNews Nov. 2013
Jerome Rose zu Hause
Fünfzehn Jahre schon eröffnet Jermone Rose das alljährliche International Keyboard Institute and Festival (IKIF) an der School of Music des Mannes College in New York mit seinem Klavierkonzert. Das zweiwöchige Festival, das Rose 1999 an seiner Alma Mater gründete, zelebriert das Piano mit Vorträgen, Meisterklassen und Darbietungen der Lehrenden, sowie zwei Gastspielserien.
Das ist selbst für New York eine Menge Klavier.
Das breitgefächerte Angebot und die Vielfalt der Ansätze und Annäherungen an das Klavier tragen zu einer offenen und zugleich sehr entspannten Atmosphäre bei und machen das Festival zu einem ganz besonderen Event. Die Verleihung des mit 10 000 Dollar dotierten Dorothy MacKenzie Competition - Preises, der dem Gewinner/der Gewinnerin einen Auftritt beim nächstjährigen Festival garantiert, ist ebenfalls Teil des Festivals. Der diesjährige Gewinner heisst Kho Woon Kim und kommt aus Korea.
“Um die enorme Menge an organisatorischen Aufgaben zu bewältigen, bedarf es wirklich zweier Elemente, die von ebenbürtiger Bedeutung sind: einer Quelle für das Konzept, und einer Kraft, die die Sache dann durchzieht”, sagt Rose, dessen Frau Julie Kedersha als geschäftsführende Direktorin des Festivals fungiert.
Für die Konzerte, mit denen Rose das Festival eröffnet und die von WFMT Chicago and NPR weltweit ausgestrahlt werden, vertieft er sich ganz in das Werk eines einzelnen Komponisten. Die Auswahl der jeweiligen Werke erscheint jeweils als Teil der “Jerome Rose plays: ‘featured composer’ Live in Concert”-Reihe, die er seit sieben Jahren auf seinem eigenen “Medici Classics” Label bei Yamaha Artists Services in New York aufnehmen lässt. Dieses Jahr hat sich Jerome Rose den Sonaten Beethovens verschrieben.
Doch mehr als das: zusätzlich zu seiner sehr persönlichen Einführung, in der er auch seinen Platz im Universum der Klaviergeschichte erklärt, liefert er auf der diesjährigen DVD eine “Waldstein” - Interpretation, die keinen Zweifel darüber zulässt, dass sich hier künstlerische Reife und persönliche Ausstrahlung zu einer ganz speziellen musikalischen Patina verbunden haben.
Auch das Gespräch mit dem inzwischen 75-jährigen Rose zeigt, dass dieser unternehmerische Pianist and Pädagoge weder an Energie noch an Visionen nachgelassen hat, sondern weitherhin unbeirrt seinen Weg geht, egal wie hoch der Einsatz und das Risiko auch sein mögen.


Jerome Rose am IKIF
Und wenn es denn wahr sein sollte, dass Pianisten - laut Rose’s Maxime -  so spielen wie sie sind – dann passt sein Ruf als einer der letzten Romantiker einfach perfekt. Und wie versteht er den Begriff  ‘Romantik’? “Am Abgrund spielen, so als hinge dein Leben davon ab”, erklärt Rose.
‘The Romantics’ ist auch der Name des Ersten Internationalen Festivals der Romantischen Bewegung in den Künsten”, das Rose 1981 ins Leben rief und das under der Schirmherrschaft von Prinzessin Alexandra in Londons Royal Festival Hall stattfand.
Rose war einer der ersten, der sich dem Trend einer neuen Gattung von interdisziplinären Festivals verschrieb, deren Mission es war, Theorie und Praxis – Lehre und Aufführungen - zusammen zu bringen. Er erinnert sich daran, wie es dazu kam, dass er sich dieser grossen Aufgabe stellte: “Man sagte mir, dass es nicht machbar sei, und das hat mich herausgefordert”, meint er. Schon damals setzte er sich unermüdlich dafür ein, seiner engen Verbundenheit mit den Komponisten, deren Kunst er während seiner gesamten Karriere studiert und gelebt hatte, eine breitere Perspektive zu verleihen.
In der Planungsphase des Festivals setzte Rose alles daran, dem Direktor des britischen Central Bureau for Educational Visits and Exchanges James Platt sein Konzept nahe zu bringen. Mit Erfolg: Platt liess sich überzeugen und unterstützte Rose. “Tief in meinem Herzen wusste ich, dass es machbar war”, sagt Platt, der auch den Vorsitz des Festivals übernahm.
Was natürlich auch half war, dass Rose ein wasserdichtes Budget vorlegte, in dem es keinerlei Spielraum gab.  Er wollte auf keinen Fall die Fehler, die er bei der Planung eines früheren Projektes fast ein Jahrzehnt vorher gemacht hatte wiederholen. Im Jahre 1973 hatte er das Konzept eines nationalen Festivals amerikanischer Symphonieorchester initiiert, deren Konzerte international übertragen werden sollten. Obwohl er den Gewinner des Emmy-Awards und bekannten Produzenten Curtis Davis sowie Channel 13 bereits auf seiner Seite hatte und namhafte Orchester ihre Unterstützung zusagten, scheiterte das Projekt letztendlich an politischen Divergenzen und Interessenskonflikten. “Wer war ich schon, um zu sagen, wie es gehalten werden sollte’, sagt Rose nicht ohne kritischen Unterton.





Unbeeindruckt machte Rose trotzdem weiter, zu stark war sein  Bedürfnis, Musikkultur in einem breiteren Zusammenhang zu präsentieren. “Es wird einem klar, dass alle grossen Komponisten sehr kultivierte Individuen waren: Pianist zu sein durchdringt alles”, sagt er, und kommentiert damit auch sein eigenes Leben.
Ein Schubert und Brahms Festival in der Library of Congress in Washington, D.C. und ein umfassendes Liszt-Fest im Jahre 1986 folgten.

Jerome Rose und Rudolf Serkin beim Marlboro Festival (mit freundlicher Genehmigung des Künstlers)

Wenn Rose über die Einflüsse auf seine Entwicklung als Musiker und Pädagoge spricht, zitiert er immer wieder Marlboro Music, das alljährliche Festival im US-Bundesstaat Vermont. Im Einklang mit der Mission des Festivals, künstlerische Qualität und neue Talente zusammen zu bringen, schaffte Marlboro einen Rahmen, der es vielversprechenden jungen Musikern erlaubte, mit renommierten Künstlern gemeinsam zu proben, zu musizieren und aufzutreten.
“Ich kam 1956 von Rudolf Serkin und Leonard Shure betreut, nach Marlboro”, erzählt Rose. Das Festival veränderte meine ganze Sicht darauf, was es bedeutet, Künstler und Musiker sowie Fürsprecher der Künste zu sein. Nie habe ich mich derart inspiriert gefühlt als hier.”
Zusammen lernen und auftreten – das entspricht genau dem Ansatz, den Rose im Rahmen seiner lebenslangen Karriere als Pianist schon immer verfolgt.
Der hohe Standard musikalischen Könnens und die Unterschiedlichkeit seiner aussergewöhnlich gebildeten Künstlerkollegen motivierte Rose dazu, das Feuer weiter zu tragen: “Mit den grössten Talenten unserer Zeit an einem Ort zu sein – mit James Levine, Van Cliburn, Claude Frank, Alexander Schneider [Budapest Quartet], und so vielen anderen … und dann die Aufführung von ‘Cosi fan Tutte’ in der Marlboro Cafeteria … die ganze Kameradschaft … das war schon alles sehr aufregend”, schwärmt Rose. Und so nimmt es denn auch nicht Wunder, dass er beim Marlboro-Festival ein fast schon kathartisches Erlebnis hatte, welches ihm aufzeigte, dass die Liebe zur Musik auch eine transzendente Dimension hat - eine Erfahrung, die er vor allem an die jüngere Generation weitergeben möchte. Über die kulturelle Wirkung der von ihm organisierten Festivals hinaus hat er das nicht zuletzt auch durch seine Arbeit als Pädagoge geschafft.

Als Beispiel seines pädagogischen Ansatzes mag seine Arbeit mit der  polnischen Pianistin Magdalena Stern-Baczeswska gelten. Rose traf Stern-Baczeswska 1996 in einer Meisterklasse in Warschau. Die Pianistin beschreibt ihren Lehrer, der 1961 die Goldmedaille des internationalen Busoni Wettbewerbs gewann, als unschätzbaren Mentor und Vaterfigur: “Die Zeit, die ich mit Herrn Rose am Klavier verbrachte gehört zu einer meiner lebhaftesten Erinnerungen. Er hat mir vor allem geholfen, meine Identität als Künstlerin zu finden, und meine Persönlichkeit und emotionale Bandbreite zu entwickeln.”
Und über die Methodologie ihres Lehrers sagt sie: “Jede Unterrichtsstunde war anders; so interpretierte er die Art, wie wir spielten, und wusste genau, was uns beschäftigte. Manchmal gab es auch eine lange Diskussion über ein scheinbar völlig anderes Thema; ein andermal sass er einfach nur am Klavier und begann zu spielen, ohne ein Wort zu verlieren. Durch ihn habe ich eine wichtige Sache gelernt: dem Publikum ist die Musik nur so wichtig, wie sie es für dich ist.”
Besonders beeindruckend fand Stern-Baczeswska ihre Erfahrungen mit Performer Jerome Rose: “Wenn er spielte, schien es, als ob Musik das Einzige auf der Welt wäre, das zählt. Und obwohl er einschüchternd wirken kann, ist er gleichzeitig der bescheidenste Mensch, wenn es um Musik
geht. Bei seinem Debut im Salle Cortot in Paris zum Beispiel bat er mich, an seiner Generalprobe teilzunehmen. Ich sollte ihn darauf aufmerksam machen, wenn er zu schnell spielte. Wenn es für die Musik von Bedeutung war, wurde der Meister zum Studenten.”
Stern-Baczeswska meint,  “… es gibt viele Pianisten, deren Finger nie danebengreifen, und deren musikalisches Gedächtnis sie nie im Stich lässt. Trotzdem – man verlässt den Konzertsaal und fühlt eine innere Leere … Doch bei den Konzerten von Herrn Rose gibt es immer wieder unvergessliche Momente. Jerome Rose spielt sich eben selbst.”

Seine internationale Karriere startete der im US-Bundesstaat Iowa geborene und in San Francisco aufgewachsene Rose mit Anfang Zwanzig. Als seine Karriere dann durch den Einberufungsbefehl während der Kuba-Krise im Oktober 1962 abrupt unterbrochen wurde, war er bereits in vielen bedeutenden Konzerthäusern der Welt aufgetreten. Dank der Aufschiebung seines Wehrdienstes aus Ausbildungsgründen konnte er jedoch als ‘artist-in-residence’ an der Bowling Green State University in Ohio bleiben, was es ihm ermöglichte, jeweils drei Wochen lang aufzutreten und Meisterklassen zu geben.
Noch heute denkt Rose über seine damalige Entscheidung gegen intensive Konzertreisen nach: “Ich habe mich oft gefragt, ob ich mir aus schierem Sicherungsdenken etwas Wichtiges versagt habe, oder ob ich eine kluge Entscheidung traf. Ich habe geheiratet, wir hatten vier Kinder, und ich hatte eine Stelle an einer Universität mit all den Leistungen, die so eine Position mit sich bringt. Jeder Performer weiss, das wir alle Opfer unserer eigenen Standards sind, und auch Opfer der Erwartungen, die die Öffentlichkeit und wir selbst an uns stellen. Für mich waren die Unsicherheiten einer Karriere als Pianist und die Abhängigkeit von Kritikern, Managern und Dirigenten nicht der richtige Weg.”

Interview mit David Dubal am IKIF, New York
Aber vielleicht ist er auch ein zu kontaktfreudiger Mensch, um sich ausschliesslich auf lange Proben und ständige öffentliche Auftritte zu beschränken. “Es ist mein Job, viele Menschen zu kennen,” sagt er. Und eines ist sicher: Er hat in seiner langen Karriere die Leben vieler Menschen berührt, und viele andere hat er mit seiner grenzenlosen Begeisterung für klassische Musik inspiriert -  sei es durch seine Präsentationen oder seine Auftritte.

Bonnie Barret (Yamaha Artist Services)
Bonnie Barret, New Yorker Direktorin der Yamaha Artist Services, sagt zum Beispiel: “Ich bin wegen ihm zu Yamaha gekommen.” Barret, die zuvor für Steinway und danach für eine Künstleragentur gearbeitet hatte, erlebte Rose bei einem Schubert-Konzert am IKIF, und war von seiner Ausstrahlung begeistert. Rose hatte an dem Abend auf einem Yamaha CFX-Modell, das gerade auf den Markt gekommen war, gespielt. “Auf jedem Sitz lag eine Broschüre, und ich wurde neugierig”, meint sie. “Ich habe das neue Klavier recherchiert und dann Yamaha angerufen, um der Firma meine Dienste anzubieten.”
Für seine DVD-Aufnahmen bei Yamaha Artists Services spielt Rose seit 2007 auf dem Vorgängermodell des Yamaha CFX (dem Yamaha CF3), und seit 2011 ausschliesslich auf dem gegenwärtigen Topmodel, CFX. Mit dieser visuellen Komponente bereichert er bereits bestehende Aufnahmen, die er bei Monarch Classics, Sony, Newport Classics und Vox auf CD gemacht hat. Für seine Liszt-Aufnahmen bei Vox wurde ihm der Grand Prix du Disque verliehen.
“Mir geht es um die Tradition der grossen Meister und um die Bedeutung dieser Aufführungen,” sagt Rose. “Ich möchte aufnehmen, woran ich wirklich glaube”.
Diese Einstellung ist vielleicht auch der Grund, warum Jerome Rose nicht nur seine Ideen in Sachen klassischer Musik im weitesten Sinne durchsetzen konnte, sondern auch dafür, dass er selbst herkömmliche Definitionen einer Karriere am Klavier weit hinter sich gelassen hat.
Pianists Marc-André Hamelin, Jerome Rose